Auf einmal

Auf einmal





Die Fratzen der Wohlstandskinder

Eine unerwartete Tote bringt Karstens Leben durcheinander. Gerade noch hat der Mittdreißiger mit Freunden in seiner Wohnung gefeiert, nun liegt die letzte Besucherin leblos auf dem Boden. Karsten will noch Hilfe holen, macht aber alles falsch. Und plötzlich ist alles anders: "Auf einmal" heißt der Film von Asli Özge. Die aus Istanbul stammende Regisseurin wirft Karsten aus den wohlgeordneten Bahnen seiner beschaulichen Kleinstadtexistenz und zeigt mit größter Sorgfalt, wie sich langsam ausbreitendes Misstrauen seine toxische Wirkung entfaltet.

An den Anfang ihres Films stellt Asli Özge eine Shakespeare-These: "An sich ist nichts weder gut noch böse. Das Denken macht es erst dazu." Und sie tritt umgehend einen eigenwilligen und kreativen Beweis an. Karsten, von Sebastian Hülk mit bewundernswerter Ambivalenz gespielt, wird kalt erwischt. Anna (Natalia Belitski) kam ohne Einladung auf Karstens Party. Er kannte sie nicht einmal. Am Ende des Abends küsst er sie. Dann rennt er zur Klinik; die ist aber geschlossen in der Nacht. Er rennt zurück nach Hause und ruft den Notarzt. Hätte er früher die 112 gewählt, wäre Anna vielleicht noch am Leben.

Vielleicht aber auch nicht. Asli Özge lässt vieles in der Schwebe. Auch Karsten scheint mehr zu wissen als das Publikum. Ein Kniff, der die Zuschauer an ihn fesselt. Es bleibt einem gar nichts anderes übrig, als mit Karsten mitzufühlen - obwohl er wahrlich kein Sympathieträger ist: immer etwas zu arrogant, immer etwas zu forsch, immer etwas zu absonderlich.

Seine Freunde, so hip, wie Sparkassen-Angestellte in einer Kleinstadt halt sein können, wenden sich von Karsten ab. Sie sind Wohlstandskinder, die sich in ihrem bürgerlichen Käfig eingerichtet haben. Sie spekulieren und tuscheln. Aus Gerüchten machen sie Fakten, Halbwahrheiten werden zu Gewissheiten erhoben - nur um sich im Fall einer Verurteilung nicht gemein gemacht zu haben mit ihrem Freund.

So einer passt nicht mehr in ihre Clique. Auch seine Freundin Laura (Julia Jentsch) verlässt ihn - Karsten hat keinen Rückhalt, keine Unterstützung. Jeder ist sich selbst der Nächste. In der Krise und in Stresssituationen offenbart sich das Wesen des Menschen. Die Wohlstandskinder zeigen ihre hässlichen Fratzen.

Dass der Film in Altena spielt, passt ins kreative Konzept. Die zwischen Hügeln eingezwängte Kleinstadt im Sauerland ist einer jener Orte, die mit ihrer Beschaulichkeit chronisches Unbehagen auslösen und einem die Luft zum Atmen nehmen können. Alles ist dunkel und beengt: Im majestätischen Cinemascope-Format hält der hervorragende Kameramann Emre Erkmen das leblose Leben in Altena in kunstvollen Tableaus fest. Den Himmel zeigt er selten.

Es ist dann auch ganz schön finster, was Asli Özge da in der sauerländischen Provinz entdeckt. Ihr geht es allerdings weniger um typisch deutsche Befindlichkeiten, sie stellt vielmehr universelle Fragen nach Schuld und Moral, nach Vorverurteilung und Gerechtigkeit, nach Scheinheiligkeit und dem Funktionszwang in der Leistungsgesellschaft.

"Auf einmal" ist ein ganz schön komplexer Film, und nicht alles ist ausgewogen in diesem Mix aus Krimi, Psychothriller, Gerichtsdrama und Soziogramm. Aber er ist mit seiner ruhigen Erzählweise, der bedrückenden Stimmung und vielen Wendungen konsequent und von spannender Eigenwilligkeit.

Irgendwann kommen Karstens Freunde auch aus ihren Löchern zurück gekrochen: Aber da hat der Film schon eine letzte unerwartete Wendung genommen. Auf Zweifel, Wut und Selbstmitleid folgt ein letzter Akt, und man darf sich noch einmal ergötzen an den Fratzen der Wohlstandskinder, die ziemlich erstaunt sind ob der bemerkenswerten Wandlung, die Karsten in aller Konsequenz durchgemacht hat.

Quelle: teleschau - der mediendienst