Frantz

Frantz





Ins Leben, irgendwie ...

Könne er nicht noch etwas davon erzählen, wie es mit Frantz in Paris war, lautet einmal mehr die Bitte an Adrien (Pierre Niney). Und Adrien beginnt zu erzählen, wie die beiden jungen Männer durch den Louvre gestreift sind, wie sie mit Mädchen getanzt haben. In dem Moment wechselt der Film "Frantz" von Schwarz-Weiß zu Farbe. Es ist die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg in einer deutschen Kleinstadt. Frantz gehört zu den Gefallenen. Sehnsüchtig saugen seine Eltern und seine Verlobte Anna (Paula Beer) alles in sich ein, was sie von seinem französischen Freund noch über ihn erfahren können. Adrien merkt, dass seine Berichte ihnen gut tun, aber ihm ist unwohl in seiner Rolle. Was stimmt nicht an Adriens Erinnerungen? Die vielschichtige Antwort darauf wird enthüllen, wie verzweifelt alle Beteiligten den Toten ins Leben holen wollen - und sich selbst mit.

Als der Musiker Adrien Blumen an Frantz' Grab ablegt, wird Anna erstmals auf ihn aufmerksam. Erst sie vermag es, den Gast in die Familie einzuführen. Zuvor hat Frantz' Vater (Ernst Stötzner), ein Arzt, "den Franzosen" als "Mörder" seines Sohnes des Behandlungszimmers verwiesen. Doch als Adrien so schön über Seiten von Frantz sprechen kann, von denen niemand gewusst hat, und damit dessen Mutter (Marie Gruber) aus ihrem Kummer holt, kann auch der Vater nicht mehr abseits stehen. Er gesteht seine Schuldgefühle ein, den pazifistisch eingestellten Sohn überredet zu haben, sich freiwillig zu melden, und bereut es bitter. Allmählich tritt Adrien an die Stelle des toten Sohnes. Er ist den Eltern ein so großer Trost.

Auch bei Anna ist Adrien auf dem Weg, Frantz' Nachfolger zu werden. Sie spürt, dass ein neues Leben jenseits der Trauer bevorsteht, aber sie hat Fragen. Was habe ihn denn mit Frantz so eng verbunden? Eine Frau? Oder etwas anderes? Weil Adrien schweigt, schaut sie ihn genau an, sie versucht, die Antwort zu erfühlen - einer der vielen großartigen Augenblicke der Paula Beer in diesem Film, die für ihre Rolle beim Filmfestival von Venedig verdientermaßen ausgezeichnet wurde.

Der Zuschauer sieht in der Rückblende mehr, als Adrien mündlich weitergegeben hat. Nämlich dass Frantz beim Tanz mit den Mädchen nur Augen für seinen französischen Freund gehabt haben soll. Geht es um eine homosexuelle Beziehung? Oder geben Adrien die Beschreibungen einer Freundschaft mit Frantz Gelegenheit, ein Leben jenseits der Konvention zu fantasieren?

Indem der Fremde für sich und andere Frantz so lebendig werden lässt, verdoppelt sich die Schuld, die er ohnehin auf sich geladen hat. Einen Teil davon wird Anna mittragen. Wenn sie Adrien nach dessen überstürzter Abreise und einem Selbstmordversuch in Frankreich zu suchen beginnt, ist es der Zuschauer, der fragen möchte, ob sie damit bloß der Bitte von Frantz' Eltern nachkommt, oder ob sie auf die Lüge eine Liebe gründen will.

Regisseur und Drehbuchautor Francois Ozon gibt die Antwort in seinem Schlussbild. Darin macht er die Kunst, die die Fantasie braucht und die mit der Lüge verwandt sein soll, als Heilmittel für alle Beschwernisse deutbar - aber auch als ultimatives und dabei schönfärberisches Gift. Nach drei teilweise bis gänzlich missglückten Filmen legt Ozon nun sehr überraschend mit der Umwandlung eines fast vergessenen Lubitsch-Films ein sensibles Meisterwerk vor. Es veranlasst zu einer aufregenden Spurensuche der Gefühle. "Frantz" ist deutsch-französischer Geschichte mehr als gewachsen und taucht in die großen Themen der Menschheit ein.

Quelle: teleschau - der mediendienst