Auf Augenhöhe

Auf Augenhöhe





Man muss nicht groß sein, um groß zu sein

Einen Piloten hat sich Michi vorgestellt. Stattlich und gutaussehend. Jemand, zu dem alle aufblicken, den sie bewundern und respektieren. Aber der Vater, den der Junge vorfindet, entspricht ganz und gar nicht diesem Traumbild. Als Michi ihn zum ersten Mal sieht, verschlägt es ihm die Sprache. Scham steigt in ihm auf, Ablehnung, gar Ekel. Als Zuschauer hofft man insgeheim, man würde in einer ähnlichen Situation anders empfinden. Was irritiert uns eigentlich daran, wenn jemand anders aussieht als der Durchschnitt? Und warum glauben wir, vom Aussehen eines Menschen auf sein Inneres schließen zu können? Aus diesen Fragen entsteht in "Auf Augenhöhe" ein ganz besonderer Kinderfilm für die ganze Familie.

Der zehnjährige Michi (spielt wie der Frederick Lau von morgen: Luis Vorbach) lebt im Kinderheim, seine Mutter starb als er fünf war, seinen Vater kennt er nicht. Noch nicht. Plötzlich gibt es da nämlich einen Namen und eine Adresse. Michi will ihn unbedingt kennenlernen, diesen Vater, den er nie hatte. So aufgeregt ist er vor dem ersten Treffen mit dem Unbekannten, dass Michis bester Freund witzelt: "Sag mal, bist du verliebt?"

Mindestens genauso nervös wartet Tom (Jordan Prentice) darauf, seinen Sohn kennenzulernen, von dem er bis vor Kurzem nicht einmal wusste, dass es ihn gibt. Doch in Toms Vorfreude mischt sich etwas anderes. Zu oft schon schlugen dem Kleinwüchsigen Ablehnung, Spott und Feindseligkeit entgegen - nur weil er anders aussieht als die meisten Menschen. Toms Befürchtungen werden wahr: Michi ist von Toms Anblick enttäuscht, weist ihn zurück und verleugnet ihn. Michis Freunde demütigen Tom sogar - eine eigentlich unsichtbare Verletzung, die Prentice aber so sichtbar macht, dass es auch im Kinosessel weh tut.

Auch wenn sie es an dieser Stelle noch nicht wissen: Das Schicksal hat Michi und Tom bereits zusammengeschweißt. Auf der emotionalen Reise, auf die sie sich einlassen, begegnen sich Vater und Sohn mit allen Konsequenzen. Da ist die Enttäuschung, dass der andere nicht den eigenen Hoffnungen, Wünschen und Vorstellungen entspricht. Die zu schlucken, fällt beiden schwer. Außerdem halten sie einander den Spiegel vor, konfrontieren sich gegenseitig mit ihren Schattenseiten, Makeln, Narben, und Schwächen.

Wie schwer es ist, einen anderen Menschen wirklich in sein Leben zu lassen, zeigen Luis Vorbach und Jordan Prentice mit viel Schieben, Schubsen, Reiben und Raufen. Diese Körperlichkeit spiegelt sehr effektiv die inneren Veränderungen wider, die die Hauptfiguren durchlaufen; sie bringt Dynamik ins Filmgeschehen.

"Auf Augenhöhe" wurde durch die noch junge Initiative "Der besondere Kinderfilm" mitfinanziert. Ziel dieser Initiative, die auch vom Bund und einigen Ländern gefördert wird, ist es, mehr hochwertige Kinderfilme ins deutsche Fernsehen und ins deutsche Kino zu bringen. Dass dies nicht nur mit Adaptionen funktioniert, sondern ebensogut mit einem originären Stoff, beweisen die Regisseure Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf, die gemeinsam mit Nicole Armbruster auch das Drehbuch verfassten.

Mit einer Geschichte über das Loslassen und Einlassen, über das Ungewöhnliche im Alltäglichen und über die Nichtigkeit von Äußerlichkeiten greift "Auf Augenhöhe" große Themen auf - besonders für einen Kinderfilm ab sechs Jahren. Umso erstaunlicher, dass der Film nie belehrt oder aufzeigt. Die Macher ordnen ihre Figuren nicht der Botschaft unter, lassen sie straucheln und sich schwertun. So durchleben die Zuschauer - egal ob klein oder groß - mit den Figuren gemeinsam ihre Wandlung. Wünschte sich Michi am Anfang des Films noch, die ganze Welt möge mit Wasser bedeckt sein, damit die Körpergröße seines Vaters keinem mehr auffiele, erkennt er am Ende: In den schönsten Momenten im Leben ist das Aussehen vollkommen egal.

Quelle: teleschau - der mediendienst