Tschick

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Lakonie im Lada

Inzwischen gilt es als Allgemeinplatz, dass mit Wolfgang Herrndorf ein literarisches Genie starb. Mit nur 45 Jahren erschoss sich der unheilbar an einem Hirntumor erkrankte Schriftsteller. Das eigene Leben in all seiner Großartig- und Fürchterlichkeit selbst in die Hand zu nehmen: Darum geht es auch in seinem Bestseller "Tschick", dessen außergewöhnliche Geschichte vom Roadtrip zweier jugendlicher Außenseiter inzwischen zum Kanon der Schulliteratur gehört. Die Ironie dahinter hätte Herrndorf gefallen, schuf er "Tschick" doch als unpädagogischen Abgesang auf das Sozialarbeiter-Spießertum der Erwachsenen. Gefallen hätte ihm auch Fatih Akins herausragend besetzte Kinoadaption, die mit rebellischer Klugheit und unsentimentaler Melancholie genau jenen zugleich unkorrekten und emanzipativen Ton des Romanes trifft.

Widersprüchlichste Erwartungen umgaben das Filmprojekt "Tschick": Ein Selbstläufer, meinten die einen - schließlich hatte Herrndorf eine quasi-filmreife Vorlage nahe der Perfektion geliefert. Der Autor selbst plante zu Lebzeiten eine Verfilmung und wünschte sich als Drehbuchautor seinen guten Freund Lars Hubrich. Gegenstimmen gaben zu bedenken, dass man mit mittelmäßigem Cast und unpassender Stimmung ein Meisterwerk zu verderben drohe.

Die große Frage lautete: Würde es gelingen, den Protagonisten Leinwand-Gesichter zu verleihen, die nicht aus dem peinlichen Fundus des wahlweise moralischen oder klamaukigen deutschen Jugendfilms stammen? Kurze Antwort: Es gelingt Fatih Akin beeindruckend. In Tristan Göbel und Anand Batbileg fand der Regisseur, der für sein Völkermord-Drama "The Cut" 2014 viel Kritik erntete, zwei herausragende junge Hauptdarsteller. Ihr Spiel trifft das aufbegehrende Außenseiter-Duo detailliert: die lakonische Lebensfreude im klapprigen Lada, das Auf-alles-Scheißen außer dem Fahrtwind, den bis ins Absurde sich steigernden Wortwitz ohne Tabus.

Die Handlung hält sich klugerweise nah an der Vorlage: Maik Klingenberg, dem Göbel eine sympathische frühpubertäre Lustlosigkeit verleiht, ist trotz reicher Familie unglücklich: Die Mutter säuft, der Vater hat eine Affäre, Freunde besitzt der langhaarige 14-Jährige als Sonderling kaum. Doch eines Tages kommt Tschick. Andrej Tschichatschow, gespielt vom Newcomer Batbileg, ist neu in der Klasse, stammt aus Russland und trägt Plastiktüten und Jogginghosen. Zunächst hasst Maik den Neuling - bis beide als einzige nicht auf der Geburtstagsparty von Maiks Schwarm eingeladen werden. Außenseitertum vereint: Bald steht Tschick zum Beginn der Sommerferien mit geklautem Lada vor Maiks Haus. Die Reise kann beginnen.

In der abgefuckten Klapperkiste begeben sich die von elterlichen und schulischen Verhältnissen entnervten Teenager auf den schönsten, kuriosesten Roadtrip seit langer Zeit. Ziellos ist dieser keineswegs: In die Walachei soll es gehen, wo Tschicks Großvater wohnt. Natürlich kommen die beiden dort niemals an. Dafür treffen sie unterwegs unter anderem auf brandenburgische Öko-Hippies und ein verloddertes Mädchen namens Isa (Nicole Mercedes Müller), das auf einer Müllkippe haust und weiß, wie man per Schlauch Sprit aus LKWs klaut. Klar auch, dass das Duo Schritt auf Tritt von der Polizei gejagt wird.

All die kleinen Begegnungen und Fahrten durch die schmucklose Provinz werden von einem fein selektierten Soundtrack zwischen Richard Clayderman und Bilderbuch untermalt. Zudem von den überragenden Dialogen zwischen Maik und Tschick, die mal lakonisch, mal nachdenklich, mal völlig unsinnig in beinahe zeitlosem Slang aufeinander einreden. Besonders hervorzuheben: An den mannigfaltigen Kraftausdrücken des Romanes spart auch der Film glücklicherweise nicht.

In Sprache und Ästhetik nähert sich "Tschick" sympathisch agendalos rebellierenden Jugendlichen, ohne sich mit sozialarbeiterhafter Moral oder gutmeinenden Botschaften anzubiedern. Von kitschigem Coming-of-Age samt politischen Korrektheiten und verklärender Reise-Romantik zeigt sich Akins Werk meilenweit entfernt. Als Jugendfilm besitzt "Tschick" im besten Sinne keinen erzieherischen Wert - und gelingt deshalb: Humanistisch feiert der Film, was das Menschsein trotz aller gesellschaftlichen Widrigkeiten ausmacht. Herrndorf hätte es gefallen.

Quelle: teleschau - der mediendienst