The Light Between Oceans

The Light Between Oceans





Am Herz-Schmerz-Klavier

Mit "The Place Beyond the Pines" hat Filmemacher Derek Cianfrance vor vier Jahren gezeigt, dass er zu absolut Außergewöhnlichem in der Lage ist. Ein Baby nach einer Tändelei ließ einen Motorrad-Artisten zum Bankräuber werden, woraus sich ein Polizeiskandal entwickelte, der wiederum in ein aufwühlendes Zwei-Generationen-Drama mündete. Nahtlos ging das Eine ins Andere über, mit verstörendem Anti-Höhepunkt nach dem ersten Drittel - grenzenlos atemberaubend. Somit ist der Zuschauer bei Cianfrances neuestem Werk "The Light Between Oceans" auf alles gefasst, nur nicht auf ein Melodram um angemaßte und wahre Elternschaft, hanebüchen konstruiert, altbacken inszeniert und bis zum Erbrechen sinfonisch überzuckert.

Eine Zeit lang wolle er alles hinter sich lassen: So begründet Weltkriegs-Veteran Tom Sherbourne (Michael Fassbender) sein Ansinnen, Leuchtturm-Wärter zu werden. Tief gezeichnet vom Grauen an der Westfront sucht der stille Mann und hochdekorierte Soldat im Dezember 1918 die Einsamkeit. Sehr karg gibt er an, er wolle begreifen, warum er überlebte und so viele andere nicht. Die unbewohnte Insel Janus vor der Westküste Australiens, umspült vom Indischen und Pazifischen Ozean, ist ihm dazu gerade recht.

Dass die Dinge einen anderen Verlauf nehmen werden, ist klar, als Tom vor der Fahrt zu seinem Leuchtturm-Posten vielsagende Blicke mit der jungen Isabel (Alicia Vikander) tauscht. Und als sich herausstellt, dass Tom seine Stelle nicht nur übergangsweise, sondern für immer haben kann, hält er um Isabels Hand an. Überglücklich willigt sie ein.

Zu ihrer großen Freude entdeckt Isabel in Toms Häuschen auf der Insel ein Klavier. Doch es ist "kaputt", wie Tom sagt, und wird zum Leitsymbol des Films: Alles könnte so schön sein, gäbe es nicht eine große Quelle des Missklangs. Isabelle wird erst gar nicht schwanger, dann hat sie zwei schwere Fehlgeburten. Sie stürzt in Kummer und Verzweiflung, Tom ist hilflos. Doch da wird ein Ruderboot mit einem toten Mann und einem Säugling an die Insel gespült. Isabel überredet den von Gewissensbissen geplagten Tom, den Toten zu verscharren und das Kind, ein Mädchen, das sie Lucy nennen werden, als ihr eigenes aufzuziehen.

Statt aufzuwühlen, ersticken die Geschehnisse unter Symbolen: Während Tom mit schmerzverzerrtem Gesicht das Gedenkkreuz der zweiten Fehlgeburt ausreißt, sitzt Isabel am inzwischen einigermaßen gestimmten Klavier. Zwei Tonreihen aus dem Off, die eine hell, die andere dumpf, sollen Seelenpein illustrieren. Schlimmer sind die Orchesterstücke, die fast pausenlos Schluchzen aufdiktieren wollen.

Wenn Isabel einmal in eine Handvoll Erde greift, scheint sich Derek Cianfrance an seine direkte, naturalistische Erzählweise von "The Place Beyond the Pines" zurückzusehnen, mit der er so ungeschönt und klug menschliches Dasein einfing. Als die leibliche Mutter des Kindes, Hannah Roennfeldt (Rachel Weisz), schließlich Tom und Isabel Aug in Aug gegenübersteht und die Entlarvung naht, scheint die Wende zum echten Gefühl gekommen. Doch es folgt bloß ein Kitsch-Crescendo von heißen Tränen und doch noch geöffneten Briefen, Geständnissen und Gebeten, unterlegt von einer immer lauter misstönenden, knirschenden Story. Fassbender und Vikander geben sich Mühe - aber Derek Cianfrance ist nicht so leicht zu verzeihen.

Quelle: teleschau - der mediendienst