Don't Breathe

Don't Breathe





Psychoterror des Prekariats

Zerfallene Häuser, verlassene Viertel, abgehängtes Prekariat: Vor der Kulisse der Kapitalismus-Krise vermutet man im Kino in der Regel sozialkritische Arthouse-Werke. Wenn sich nun auch waschechte Psycho-Thriller des wirtschaftlichen Scheiterns im amerikanischen Postfordismus annehmen, spricht das entweder für ein erblühtes Genre-Gewissen - oder dafür, dass die Krise alle Lebensbereiche durchdrungen hat. So auch den Alltag der Protagonisten im mitreißenden "Don't Breathe": In den Ruinen der verblühten Ex-Industriemetropole Detroit versuchen drei Jugendliche die Misere ihrer prekären Existenzen mit Raubzügen zu durchbrechen, bis sich in einem der Häuser ein blinder Kriegsveteran gegen die Diebesbande wehrt. Es beginnt ein atemloses Versteckspiel, das als hochspannender Psycho-Terror und zugleich als Allegorie überzeugt: Die Schwachen der Gesellschaft bekämpfen sich untereinander.

In der ehemalig florierenden Auto-Metropole Detroit, die der uruguayische "Evil Dead"-Regisseur Fede Alvarez in ihrer Trostlosigkeit hervorragend trist inszeniert, sieht der Alltag düster aus, vor allem für Rocky: Die von Jane Levy emphatisch verkörperte junge Frau lebt mit ihrer kleinen Tochter im Haus ihrer arbeitslosen Redneck-Mutter und deren Säufer-Freund, von denen sie sich Tag für Tag Beleidigungen anhören muss.

Einziges Ziel Rockys ist es, aus dem verlassenen Moloch auszubrechen, am liebsten ins sonnige Kalifornien. Doch für den Traum vom besseren Leben braucht man Geld. Geld, das sie sich in Zeiten kaum vorhandener Arbeitsplätze auf illegalem Wege beschafft: Gemeinsam mit ihrem dümmlich-waghalsigen Freund Money (Daniel Zovatto) und Alex (Dylan Minnette), der heimlich auf Rocky steht, begibt sich die verzweifelte Frau auf Diebestouren durch die Häuser der wenigen Wohlhabenden.

Die Raubzüge funktionieren perfekt, da Alex' Vater ein Sicherheits-Geschäft besitzt, wodurch die Bande praktischerweise alle Alarmsysteme fix ausschalten kann. Schmuck, Elektronik, Mode: Alles Gestohlene landet bei einem ominösen Obermacker für vergleichsweise wenig Geld. So klischeehaft wie dieser entpuppt sich auch das Drehbuch bei der natürlich ultimativen Lösung des Geld-Problems: Ein einziger Bruch noch, ein einziges Mal Bargeld stehlen, ein einziges Risiko - dann lockt die paradiesische Westcoast.

Die letzte Aktion des Trios erscheint einfach: In einem der völlig verlassenen Viertel der Stadt haust ein Kriegsveteran, der Hunderttausende Dollar in bar aufbewahren soll - ein Schmerzensgeld, das er nach dem Unfalltod seiner Tochter erhielt. Am wichtigsten jedoch: Der Typ ist blind! Doch der vermeintlich einfache Beutezug entpuppt sich als schonungsloser Terror für die Protagonisten und Kino-Zuschauer gleichermaßen.

Denn nachdem "Don't Breathe" es geschafft hat, für seine bedürftigen Figuren Empathie zu wecken und deren Handlungen zumindest als nachvollziehbar zu rechtfertigen, gerät der Film plötzlich zum veritablen Psycho-Kammerspiel. Im Haus des alten, trübäugigen Veteranen, nachvollziehbar intensiv und voller Wut von Stephen Lang gespielt, treffen die jungen Hoffnungslosen auf den alten Einsamen. Zwei Generationen des abgehängten Prekariats liefern sich fortan einen hochspannenden Kampf bis aufs Blut.

Im engen Setting des zweistöckigen Hauses folgt Schock auf Schock. Regisseur Alvarez spielt mit einer speziellen Ästhetik: Oft stehen sich die Einbrecher und der alte Mann gegenüber, sie sehen ihn, er sie nicht. Er kennt sein Haus und er ist eine Kampfmaschine; die naiven, doch sehenden Jugendlichen schleichen herum, verstecken sich geräuschlos, um nicht erwischt zu werden. Irgendwann dreht sich das Verhältnis im zapperdüsteren Keller um - plötzlich hat der Blinde den Vorteil.

Das sich entspinnende Hin und Her und die ruhelose Jagd zwischen Eindringlingen und Verteidiger entwickelt sich stetig steigend in Richtung eines blutigen und sadistischen Höhepunkts. Dass "Don't Breathe" dabei nicht nur als klassischer (und vorhersehbarer) Suspense-Schocker funktioniert, ist der herausragend erarbeiteten und gespielten Figurenkonstellation geschuldet: Alle Charaktere gehören zu den Schwachen der Gesellschaft, zu den Opfern von Krieg und Kapitalismus. Das Überleben wünscht man allen - dass sie sich jedoch gegenseitig zerfleischen, gehört zu den traurigen Wahrheiten, die der Thriller implizit ausspricht.

Quelle: teleschau - der mediendienst