Mein ziemlich kleiner Freund

Mein ziemlich kleiner Freund





Eine Frage des Niveaus

"Mein ziemlich kleiner Freund" bietet den vermutlich pfiffigsten und espritgeladendsten Lustspiel-Anfang dieses Jahres: Eine hübsche Blondine namens Diane, gespielt von Virginie Efira, trifft sichtlich aufgewühlt in ihrer Wohnung ein. Das Festnetztelefon klingelt. Sie meldet sich vorsichtig. "Ist da 'Zuhause'?" fragt eine sympathische Männerstimme. Alexandre heißt der Herr, der Dianes Handy in Verwahrung genommen hat, als sie wutschnaubend nach einem Streit mit ihrem Ex-Mann aus einem Restaurant stürmte. Die Nummer unter dem Eintrag "Zuhause" in ihrem Handy hat Alexandre nun gewählt - mit Erfolg. Das Überraschungsmoment bringt Diane und Alexandre fernmündlich einander näher. So charmant dürfte es gern weitergehen. Es kommt anders, weil die gewagte Grundidee keine volle Entfaltung auf angemessenem Niveau findet.

Seinem Eroberer-Namen alle Ehre machend, lässt Alexandre beim Telefonat nicht locker, bis Diane für den nächsten Tag eine Einladung zum Essen angenommen hat. Im Restaurant wird der schäkernde Anrufer zum ersten Mal sichtbar, in Gestalt Jean Dujardins, aber in der Rolle eines Kleinwüchsigen. "Ich weiß, ich sehe nach einem Meter vierzig aus, aber tatsächlich messe ich nur einen Meter sechsunddreißig", bekennt Alexandre kokett, nachdem er mit einem kleinen Anlauf auf den Stuhl gehüpft ist. Anwältin Diane hat kaum Zeit, erstaunt zu sein. Denn er verlangt, dass sie alle Termine für den Nachmittag absagt und mit ihm mit dem Fallschirm abspringt.

Das ist absolut aufregend. Und Alexandres Witze sind wirklich witzig, sodass Diane endlich mal einen versteht und herzhaft lacht. Außerdem führt Alexandre sie in In-Lokale aus, die sonst niemand kennt. Ein kluger Kopf ist dieser erfolgreiche Architekt, der in Lüttich eine Oper umbaut, auch noch. "Sie sind schön", sagt er ihr im Auto, als er sie nach Hause fährt. Bald kommt die erste Liebesnacht. Als Diane sich im Spiegel sieht, wie sie den kleinen Körper umarmt, hat sie eine leise Empfindung des Grotesken. Aber die vergeht. Doch Bruno (Cédric Kahn), mit dem sie nicht mehr das Leben, aber noch die Anwaltskanzlei teilt, verspottet sie, und ihre Mutter Nicole (Manoëlle Gaillard) richtet ein Verkehrschaos an, als sie am Steuer hört, dass Diane es mit dem "Zwerg" ernst meint. Diane wird in ihrer Liebe wankelmütig.

Können ein Mann, der aufgrund einer Erkrankung als Kind in seinem körperlichen Wachstum stehengeblieben ist, und eine normal gewachsene attraktive Frau zusammenkommen? "Mein ziemlich kleiner Freund" widmet sich der heiklen Frage allzu halbherzig. Der Humor zielt mal zu hoch, mal zu niedrig. Dasselbe Publikum soll einerseits über Alexandres Anspielung auf Nietzsches "Übermensch" lachen - und andererseits über sein klamaukhaftes Zappeln an einem hohen Schrank, nachdem eine Leiter aus Weinkisten unter ihm zusammengebrochen ist. Überdies lernt in diesem Lehrstück nur eine: Diane, die den Vorurteilen ihrer Umgebung trotzen muss.

Der hochgewachsene Jean Dujardin hat viel Mühe auf sich genommen, um einen kleinen Menschen zu spielen. Im Übrigen aber hat er eine allzu dankbare Rolle: Alexandre ist reich, kümmert sich herzensgut um den beruflichen Werdegang seines erwachsenen Sohnes und ist nur etwas melancholisch, was die Chancen auf ein Glück mit Diane angeht. Dabei hätte es ein Darsteller von Dujardins Graden verdient, dass sein weiblicher Gegenpart auch ihm etwas Tadelnswertes austreiben darf. Das hätte das Amüsement bedeutend vertieft.

Quelle: teleschau - der mediendienst