Legenden am Lago

Legenden am Lago





Das Internationale Filmfestival von Locarno wird 70

70 Jahre ist das Internationale Filmfestival von Locarno gerade alt geworden. Im August 1946 feierte es seine Premiere, fast zeitgleich mit Cannes. Damals stand die Leinwand noch im Park des inzwischen brachliegenden Grandhotels, heute steht das haushohe Riesending auf der Piazza. An großen Namen fehlt es in der Geschichte Locarnos und seiner Preisträger nicht - viele davon, etwa Milo Forman, Marco Bellocchio, Mike Leigh, Spike Lee und Jim Jarmusch, wurden hier mit ihren Debütfilmen entdeckt. Grund genug, auch in den zehn Tagen der 69. Ausgabe bis zum 13. August große Namen an den Lago zu locken. Einen Ehren- oder Lifetime-Award in Form eines kleinen Leoparden nimmt jeder gern. Diesmal an der Reihe waren Schauspiellegende Mario Adorf, 60er-Jahre-Ikone Jane Birkin ("Je t'aime", 1976), Stefania Sandrelli ("Der große Irrtum", 1970), ebenso wie die Hollywood-Größen Roger Corman und Harvey Keitel.

Aber am Ende sind es eben doch die wenigen großen Gegenwartsmomente, die ein Festival aufleben lassen. Wenn auf der Piazza von Locarno nach einem gelungenen Film der Beifall der 8.000 Zuschauer aufbraust, dann ist das immer wieder ein solcher Moment.

Der französische Film "Der Himmel erwartet dich" ("Le ciel attendra") riss das Publikum zu minutenlangen Ovationen hin. Die Regisseurin, Autorin und zugleich Produzentin Marie-Castille Mention-Schaar rechnet in ihrem Film mit den Machenschaften islamistischer Fundamentalisten ab. Die ziehen vor allem im Internet nach und nach junge Mädchen auf ihre Seite, indem sie ihnen zuerst per Skype Komplimente machen, um sie dann zu ihrer künftigen Frau zu erklären und ihnen beim nahen Weltenende den Himmel versprechen.

Mit vorzüglichen jungen Darstellerinnen, aber auch mit Sandrine Bonnaire als um Hilfe ringende Mutter, gelingt es dem Film ohne Sensationsdrücker die Gefühlswelt der jungen Frauen und die daraus resultierende existentielle Gefahr hautnah zu vermitteln. In einer Selbsthilfegruppe beklagen die Eltern das Schicksal ihrer Töchter, deren eine das Land bereits nach Syrien verlassen hat, während die andere nach einem Zusammenbruch am Flughafen gerade noch gerettet wird. Die Geschichte der Mädchen und ihrer Gehirnwäsche wird in Rückblenden erzählt - eine Methode, die hier durchaus angemessen ist.

Leider blieben Höhepunkte wie dieser auf der Piazza eher selten. Mit einer Mischung aus Action (Schweizer Premiere von "Jason Bourne", Matt Damon grüßte kurz per Video), Fantasy und Biopics wie dem deutschen Kostümfilm "Paula" über die Malerin Paula Modersohn-Becker, zeigten sich die Piazza-Darbietungen ausserhalb des Wettbewerbs doch sehr schwankend. Die 1985 in Locarno geborene Carla Juri ("Feuchtgebiete") holt mit ihrem frivol ungebändigten Spiel die Worpsweder Künstlerin, die sich um 1900 gegen alle männlichen Vorurteile durchzusetzen weiss, voll aus der Versenkung. "Paula" lebt ihre naive Freiheit aus, bringt die Welt auf ihre Leinwand - so wie sie diese wahrnimmt, nicht wie es die männlichen Akademiker gerade haben wollen. Allerdings folgt der Film von Christian Schwochow nicht wenig dem längst grassierenden Hype um die durchaus wichtige deutsche Malerin.

Auch im Hauptwettbewerb um den Goldenen Leoparden, der es aus Konkurrenzgründen zunehmend schwerer hat, zeigte Locarno deutsche Filme. Angela Schanelecs surrealistische Collage "Der traumhafte Weg" verdankte ihren Ruf nach Locarno wohl in erster Linie dem Willen des Festivals, neue zukunftsorientierte Formen zu finden, und ließ recht ratlose Zuschauer zurück. Währenddessen griff der in Luzern geborene Regisseur Michael Koch ins volle Emigrantenleben der Dortmunder Nordstadt. Seine Heldin, die titelgebende Ukrainerin "Marija", setzt sich bei der Verwirklicheung ihres Lebenstraumes, eines eigenen Frisiersalons, über alle Männer-Demütigungen hinweg. Marija macht sich die Männer zunutze, die sie haben wollen. Neuling Sahin Eryilmaz und Georg Friedrich übertrumpfen sich als Bösewichte vom Dienst. Gnadenlos beuten sie andere Migranten aus. Bleibt als Fazit, frei nach Brecht, dass erst das Geld kommt und dann die Moral, von der Liebe ganz zu schweigen. Nicht zuletzt dank der hypnotisch agierenden Hauptdarstellerin Margarita Breitkreiz ein starkes Spielfilmdebüt.

Und dann war da auch noch das Festival im Festival - ein 70 Filme umfassender Rückblick auf das bundesdeutsche Kino der Nachkriegszeit. Die Retrospektive des Deutschen Filminstituts und der Cinémathèque suisse, die leider etwas zu umfänglich ausfiel, zeigt, dass die Epoche auf der Weltkarte des Kinos zu Unrecht so lange verschwunden war. Es war die Hochzeit des deutschen Kinobesuchs, wie sie die Republik nie wieder erlebte. Aus der Nazizeit bekannte Starschauspieler taten sich zusammen mit Regisseuren aus der Emigration. Manchmal lieferten sie Bleibendes, wie etwa Käutner oder Staudte. Meist allerdings nur Durchschnittsware - Unterhaltung war schließlich Trumpf. Der 85-jährige Mario Adorf, der auf der Piazza aus Anlass der Retro einen Ehrenleoparden erhielt, gab zu denken, man habe nach Oberhausen den Nachkriegsfilm allzusehr abgewertet und dabei "das Kind mit dem Bade ausgeschüttet".

Welche aktuellen Filme, Darsteller und Regisseure die Jury für erinnerungs- und auszeichnungswürdig erachtet, erfährt das Publikum am letzten Festival-Samstag. An jenem Samstag, 13. August, werden am Piazza Grande im internationalen Wettbewerb die Goldenen Leoparden für den besten Film, die beste Regie sowie die beste Schauspielerin und den besten Schauspieler vergeben.

Quelle: teleschau - der mediendienst