Elliot, der Drache

Elliot, der Drache





Einladung zum Abheben

Real ist, was "da" ist. Was man sehen, riechen, ertasten oder sonst irgendwie sinnlich erfassen kann. So begreifen wir, die Erwachsenen, in den meisten Fällen die Welt. Was wir nicht anfassen können, ist für uns auch nicht da. Einer, der sich einen kindlichen Blick bewahrt hat, ist der alte Holzschnitzer Mr. Meacham (feierte jüngst seinen 80. Geburtstag: Robert Redford): "Wenn du nur siehst, was vor dir ist," weiß er, "dann verpasst du 'ne Menge." Das ist dann auch die Botschaft, die "Elliot, der Drache" mitbringt. Das fantasievolle Abenteuer, das sich in seinen Grundzügen an dem populären Disney-Musical "Elliot, das Schmunzelmonster" (1977) orientiert, lädt die Kleinen wie die Großen ein, gemeinsam abzuheben vom grauen Boden der Tatsachen.

Mr. Meacham wird von den Erwachsenen in der Stadt schon lange nicht mehr für voll genommen. Die Kinder aber lieben ihn: Seit Generationen schon unterhält er sie mit seinen abenteuerlich ausgeschmückten Geschichten von einem grünen Drachen, dem er vor vielen Jahren in den Wäldern von Mullhaven begegnet sein will. Seine rational-geerdete Spielverderber-Tochter Grace (Bryce Dallas Howard, "Jurassic World") muss die Dinge für die Kinder dann immer wieder geraderücken: Als Mitarbeiterin des Naturparks durchstreift sie die besagten Wälder seit Jahren täglich, einen Drachen gibt es da nicht. Überhaupt gibt es natürlich keine Drachen.

Eine halbe Filmstunde später wird sie ihren Vater ganz aufgewühlt fragen, was er damals im Wald wirklich gesehen hat. Weil ihr dort nämlich der kleine Waise Pete (Oakes Fegley) zugelaufen ist. Nach dem tragischen Unfalltod seiner Eltern hat er dort offensichtlich jahrelang unbemerkt gelebt - nicht allein, wie er behauptet, sondern mit Elliot. Und dieser Elliot soll ein grüner Drache sein, ganz ähnlich dem, den Mr. Meacher immer beschrieben hat. Mit dem Zeichentrick-"Schmunzelmonster" von einst hat der neue CGI-Elliot allerdings nur noch weniger gemein, eher ähnelt er einem geflügelten Hund im XXL Format.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist nicht sonderlich originell: Grace nimmt den kleinen verwilderten Pete bei sich auf, derweil machen einige böse Menschen Jagd auf den Drachen, was in ein ziemlich aufregendes Finale mündet. Manche Figuren kommen dann auch zu der Erkenntnis, dass es eben doch mehr gibt in der Welt als das, was man sehen kann. Und am Ende, klar, liegen sich alle in den Armen.

Gesungen wird in dieser sehr zeitgemäßen Neuauflage übrigens nicht mehr. Dafür arbeitet Regisseur David Lowery intensiv mit perfekt gewählten, rührenden Pop-Songs, die er über das Geschehen legt - eine durchaus gelungene Lösung, schließlich gehört die Musik bei "Elliot" irgendwie dazu. Überhaupt weiß Lowery ganz genau, wie er den Stoff anzupacken hat und wann er beim Zuschauer welche Knöpfe drücken muss. So holt er tatsächlich das Maximum aus der Geschichte heraus.

Die meiste Zeit setzt der Filmemacher direkt am Herzen an: Wenn der kleine Pete ausreißt und minutenlang allein durch die Straßen von Mullhaven rennt, um seinen Elliot zu finden, wird's viele feuchte Augen geben im Kinosaal. Auch, wenn die beiden Freunde bei einem gemeinsamen Flug kurz vor Filmende durch eine Wolkendecke stoßen, der Sonne entgegen. Es gibt eine Menge solcher "Magic Moments" in diesem Film, der in vielerlei Hinsicht überflüssig erscheint, aber nichtsdestotrotz irrsinnig unter die Haut geht. An Drachen werden die Erwachsenen hinterher nicht glauben. Der eine oder andere sieht die Welt aber vielleicht doch (wieder) mit anderen Augen.

Quelle: teleschau - der mediendienst