The Shallows - Gefahr aus der Tiefe

The Shallows - Gefahr aus der Tiefe





Fiese Finne

Nicht mal 200 Meter bis zum Strand. Der Schenkel blutet wie verrückt, vielleicht die Beinschlagader. Der Große Weiße kreist und kreist. Er will zu Ende bringen, was er angefangen hat. Einfach rüberschwimmen? Er wäre immer schneller. Auf Hilfe hoffen? Kein Mensch weit und breit. - Zugegeben: Besonders wahrscheinlich ist das Szenario nicht, das "The Shallows - Gefahr aus der Tiefe" entwirft. Schließlich liegt die Wahrscheinlichkeit, von einem Hai angegriffen zu werden, bei eins zu zehn Millionen. Doch wen interessieren schon irgendwelche Wahrscheinlichkeiten, wenn es darum geht, irgendwie Spannung aufzubauen.

Der Auftakt verspricht viel. Die junge Aussteigerin Nancy (vom "Gossip Girl" zum zähen Knochen: Blake Lively) erreicht nach langer Suche endlich den Strand ihrer Träume. "Hier ist das Paradies", meint ein Einheimischer, aber dieser Satz wird sich in den nächsten Minuten in sein Gegenteil verkehren. Das unberührte Juwel von einer Bucht wird zum gottverlassenen Schlachtfeld eines Kampfes zwischen Mensch und Kreatur, zwischen der bissfesten Blondine und dem Scheusal aus der Tiefe.

Ob sich je eine Haifilm-Protagonistin so effektvoll in ihre Neopren-Weste quetschte? Wie dieser Reißverschluss in Großaufnahme über Nancys Bojen gleitet ... Es gibt Filme, die wirken nur auf der Kinoleinwand. Nun, jedenfalls surft Nancy allein. Sie braucht keine Gesellschaft, sie will den Kopf frei kriegen. Das Medizinstudium geschmissen, die Mutter gestorben - es gibt viel zu ordnen. Die Wellen sind gut, aber irgendwas fühlt sich nicht richtig an. Da! Ein Schatten im Azurblau. Dann geht alles ganz schnell: Das Brett schnellt weg, Blut tritt hervor.

Keuchend klammert sich Nancy oben auf einem Felsen fest, der ein klein wenig aus dem Wasser ragt. Der Hai hat sie am Oberschenkel erwischt. Als Medizinstudentin weiß Nancy: Mit dieser Fleischwunde wird sie langsam aber sicher verbluten. Nachdem sie sich eine Weile die Seele aus dem Leib gebrüllt hat, wird ihr klar, dass ihr keiner helfen wird. Und die Finne kreist und kreist ...

Nach der Attacke bemerkt Nancy plötzlich einen riesigen Pottwal-Kadaver, der an der Wasseroberfläche treibt und der ihr zuvor nicht aufgefallen war - obwohl sie schon stundenlang in der überschaubaren Bucht surfte. Über solche groben Logikfehler tröstet die Spannungskurve hinweg, die dem Zuschauer kaum Atempausen gönnt und keine Längen zulässt. Außerdem ist "The Shallows" - und das nicht nur wegen seiner Hauptdarstellerin - über weite Strecken ein echter Augenschmaus und punktet mit teils spektakulären Kameraeinstellungen.

Bemerkenswerterweise ist es die moderne Technik, die Nancy Vorteile vor dem Hai verschafft. So spielt besonders eine Helmkamera eine entscheidende Rolle in ihrem Überlebenskampf. Ebenso wichtig: Die Möwe, die Nancy auf ihrem Felsen Gesellschaft leistet. Sie kann als Zitat des tröstlichen Volleyballs im Survival-Drama "Cast Away" gelesen werden. Doch auch wenn in beiden Filmen Menschen gegen die Natur kämpfen: Die gleichen schauspielerischen Höhenflüge wie in "Cast Away" (Tom Hanks) oder themenverwandten Filmen wie "127 Stunden" (James Franco) oder gar "All Is Lost" (Robert Redford) sollte man hier nicht erwarten.

Dafür zwingt der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra ("House of Wax") seine Zuschauer dazu, sich zu fragen: Was würde ich an Nancys Stelle tun? Wie viel würde ich riskieren, um zu überleben? Trotz aller Klischees, die der Film zweifelsohne bedient, ist diese Frage durchaus spannend. Einen Rat sollten jedoch selbst geneigte Kinogänger befolgen: Bloß nicht vor dem nächsten Badeurlaub anschauen!

Quelle: teleschau - der mediendienst