Alles was kommt

Alles was kommt





Das Leben aufräumen

Am Ende ist auch noch die Katze weg. Aber das ist für Nathalie (Isabelle Huppert) eine Erleichterung. Die anderen Verluste, die ihr die französische Filmemacherin Mia Hansen-Løve im meisterlichen Film "Alles was kommt" ins Leben kurz vor dem Altwerden geschrieben hat, machen der Pariser Philosophielehrerin mehr zu schaffen. Ihr Mann verlässt sie nach 25 Ehejahren, ihr Verlag will keine neuen Lehrbücher mehr drucken, ihre Mutter verliert zunehmend den Verstand. Das Leben ein Scherbenhaufen? Durchaus. Aber Nathalie holt Handfeger und Kehrblech raus und beginnt, zunächst leise und zögerlich, aufzuräumen.

Die Aufgabe, ihr Leben neu ordnen zu müssen, kostet Nathalie Überwindung. Aber sie hat die Kraft und den Mut, glücklich bleiben zu wollen. Dass die intellektuelle Frau eher Kopf- als Herzmensch ist, hilft ihr, dem plötzlichen Chaos in ihrem Leben würdevoll zu begegnen: Isabelle Huppert macht "Alles was kommt" mit gewohnt zurückhaltender Präsenz zu ihrer eigenen ganz große Bühne - die sie sich manchmal aber mit einer Katze teilt.

Das Tier heißt Pandora und begleitet Nathalie auf dem Abenteuer Freiheit, in das sie so unverhofft geraten ist, nachdem sie für eine Jüngere verlassen wurde. Ausrasten? Den Kopf in den Sand stecken? Sich einen Neuen suchen? All das passt nicht zu dieser wohltemperierten Frau. Sie nimmt den Kampf mit dem Leben und seinen Schicksalsschlägen einfach an.

Mia Hansen-Løve, bei der Berlinale mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet, beobachtet Nathalie dabei mit fast schon aufmüpfiger Gelassenheit. Ihre Szenen sind sehr detailliert geplant und sorgfältig ausgeführt. Hansen-Løve ergreift nicht Partei, sie ergründet keine Motive. Sie schaut einfach nur zu: Gerade die scheinbar interesselose Distanz macht aus "Alles was kommt" einen fesselnden Film.

In der kontemplativen Ruhe steckt eine subtile Heiterkeit, die wunderbare neue Perspektiven auf das Leben eröffnet und das Drama zu einer stillen Reflexion über das Wesen der Freiheit und die Bedeutung des Glücks werden lässt. Treibende Kraft des Diskurses ist Nathalies vielversprechender Ex-Schüler Fabien (Roman Kolinka), der sich aus dem System ausgeklinkt hat und mit nicht ganz unsympathischer Arroganz das Leben verstanden haben will.

Er darf seiner ehemaligen Lehrerin in der Abgeschiedenheit der Voralpen vorwerfen, sich allzu bequem im Käfig der Bürgerlichkeit eingerichtet zu haben, sich mit Ideen statt Taten zufrieden zu geben. Doch Nathalie ist schon längst ausgebrochen und hat sich den Herausforderungen der neu gewonnenen Freiheit gestellt.

Die zentrale Frage in "Alles was kommt" ist die nach unserem Empathievermögen. Können wir uns in andere Menschen hineinversetzen? Sind wir überhaupt bereit dazu? Die 35-jährige Hansen-Løve ist es, wie kaum jemand sonst im Kino. Das hat sie schon mit in ihren ersten Filmen ("Der Vater meiner Kinder", "Eden", "Eine Jugendliebe") bewiesen. Und das zeigt sie in ihrem Neuling "Alles was kommt", in dem strenggenommen nicht viel passiert, erst recht. Man fühlt mit Nathalie, leidet mit ihr, kämpft mir ihr, kann sie verstehen - und ist nach 98 Minuten erleichtert, dass die Katze weg ist.

Quelle: teleschau - der mediendienst