Captain Fantastic

Captain Fantastic





Chomsky statt Jesus

Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder. Warum das manchmal mit einem Messer in der Hand und großen Ideen aus der Weltliteratur im Kopf enden kann, zeigt auf amüsante und berührende Weise die Independent-Komödie "Captain Fantastic" von Matt Ross. Der dänisch-amerikanische Schauspieler Viggo Mortensen ("Herr der Ringe") liefert dabei eine glänzende Performance inmitten einer ebenso beeindruckend spielenden Kinderschar. Viele Nachahmer unter den Zuschauern wird diese intellektuelle Hippiebande kaum finden, aber ein paar Denkanstöße bleiben nach dem Kinobesuch sicher hängen.

Schon in der ersten Szene stellt Regisseur Matt Ross klar: Eine Familie wie diese hat man noch nicht gesehen. Mit wilder Kriegsbemalung streifen ein Mann und sechs Kinder zwischen sieben und 18 Jahren durch das Gebüsch, um schließlich ein Tier mit dem Messer in der Hand zu erlegen. In einer weiteren Einstellung sieht man die Familie, wie sie durch den Wald rennt und waghalsig am steilen Fels klettert - ohne Sicherung natürlich. Der Vater treibt an, fordert und zeigt bei Verletzungen wenig Mitleid.

Nach dem irritierenden Intro des Films besänftigen Bilder von gemeinsamem Yoga, harmonischen Stunden am Feuer und friedlichem Zusammenleben in einem abgeschiedenen Wildnis-Camp in den Bergen. Was dem Zuschauer in der "zivilisierten" Welt im Kinosaal gefährlich und fast schon unheimlich vorkommen mag, soll nach Ansicht von Ben Cash (Mortensen) und seiner Frau die Kinder beschützen. Vor dem Konsumwahn der amerikanischen Shoppingmalls, vor der allgegenwärtigen Elektronik, vor "vergiftetem Wasser" (Cola) und vor Religion ("Man darf sich über niemanden lustig machen, außer über Christen").

Seit zehn Jahren schon lebt die Familie als Selbstversorger von der Jagd und dem Anbau von Gemüse. Der hochgebildete Ben unterrichtet seinen Nachwuchs selbst und bringt den Kids mehr als Durchschnittswissen bei. Allerdings sind seine Lehrinhalte stark von der Lebenseinstellung der Eltern gefärbt, statt Weihnachten wird der Geburtstag des linken Star-Intellektuellen Noam Chomsky gefeiert.

Die Kinder, die nichts anderes kennen, folgen blind. Bis auf den Ältesten Bodevan - alle haben erfundene Namen, um ihre Einzigartigkeit zu unterstreichen - kann sich keines der Kids an eine andere Art zu leben erinnern. Aber auch Bo (George MacKay) scheint vieles vergessen zu haben: Bei einer witzigen Szene später im Film weckt er das Interesse einer Teenagerin, der er nach ein wenig Herumgeknutsche ganz nach alter Schule einen hochtrabenden Antrag macht.

Eine dramatische Wendung - der Tod der psychisch kranken Mutter in einem weit entfernten Krankenhaus - bringt Ben und die Kinder überhaupt in die Situation, sich aus ihrer Isolation heraus und auf einen Trip durch die USA begeben zu müssen. Dabei entstehen viele äußerst komische "Fish-out-of-water"-Situationen. Es kommt zu skurrilen Begegnungen mit der "normalen" Welt, die Ben den Kindern auf seine Art erklärt und dabei auch an Grenzen stößt: Wie vermittelt man einem kleinen Kind, was eine Vergewaltigung ist? Der Zuschauer dagegen spürt in der Konfrontation mit den Andersartigen die engen Grenzen der eigenen Gesellschaft - ein kathartisches Vergnügen.

Bei der Konfrontation mit den wohlhabenden Großeltern (streng, aber liebend: Frank Langella) prallen die Lebenskonzepte besonders deutlich aufeinander. Beide Parteien wollen nur das Beste für die Kinder - und das ist eben diskutierbar. Ist Ben der tollste und selbstloseste Vater der Welt, oder einfach nur ein auf seinen Prinzipien beharrender Öko-Egomane? Der Regisseur bezieht keine deutliche Stellung, führt den Film aber zu einem schwachen versöhnlichen Ende.

"Captain Fantastic" überzeugt vor allem durch die Rollen der Kinder, die als gut ausgearbeitete Einzelfiguren ihre jeweils einzigartigen Persönlichkeiten vorführen. . So gelingt Matt Ross ein witziger Gegenentwurf zum "normalen" Leben, eine unterhaltsame Tragikomödie, die mit viel Witz und Hintersinn Lebenskonzepte aufeinanderprallen lässt und Figuren kreiert, die dem Zuschauer mit ihren Brüchen und emotionalen Belastungen ans Herz wachsen.

Quelle: teleschau - der mediendienst