El Viaje - Ein Musikfilm

El Viaje - Ein Musikfilm





Die Reise des junggebliebenen Rod

2016 ist ein gutes Jahr für alle, die das südamerikanische Land Chile im Kino entdecken wollen. Die beiden chilenischen Regisseure Pablo Larraín ("Neruda") und Alejandro Jodorowsky ("Poesía Sin Fin") tauchen in ihren neuen Filmen fantasievoll ein in die Blütezeit der dichterischen Avantgarde der 40er-Jahre, und der deutsche Filmemacher Florian Gallenberger erzählt in "Colonia Dignidad" von einem der grausamsten Kapitel der jüngeren Geschichte des Landes. Auf eine Spurensuche musikalischer Art begibt sich nun Rodrigo "Rod" González, Bassist, Sänger und Komponist der selbsterklärten besten Band der Welt: Die Ärzte. 1968 in der Hafenstadt Valparaíso geboren, musste er sechs Jahre später mit seinen Eltern vor Pinochets Militärregime nach Deutschland fliehen. Mehr als 40 Jahre später kehrt der Musiker in Nahuel Lopez' Dokumentarfilm "El Viaje" in sein Geburtsland zurück - auf der Suche nach den Protestsongs von damals.

González' Zugang ist sehr persönlich, ungeschminkt, neugierig. Ganz nah an ihm bewegt sich die Handkamera, zuerst in Hamburg beim Besuch des Vaters, am Flughafen, schließlich auf der Fahrt durch ein Chile, das er zum ersten Mal mit den Augen des professionellen Musikers sieht. Da wirkt der Punkrocker mit dem dunklen Bubikopf gleich selbst wieder wie ein staunendes Kind. Zur Authentizität trägt auch die Erzählstimme Rods bei, die etwas ungeschliffen, rotzig und doch hörbar begeistert die Begegnungen mit den Musikern kommentiert: "Erinnert mich an meine Punk-Zeit in den 80-ern in Barcelona. Überall so Zeug: Viecher, kaputte Sofas und anti-autoritäre Parolen. Wie geil, dass es so etwas auch hier in Chile noch gibt!"

"El Viaje" unternimmt den Versuch, ein Land und seine wechsel- und leidvolle Vergangenheit durch Klänge und Melodien zu verstehen. Auf seiner Reise trifft González sehr unterschiedliche Menschen, die eines verbindet: Ihre Leidenschaft zur Musik. Macha mit dem weißen Rauschebart etwa, der eine Brille mit aufgeklebten Frauenaugen trägt und halbvergessene südamerikanische Musik ausgräbt. Oder Eduardo Carasco, ein wallmähniger, singender Philosoph, der Abhandlungen über Friedrich Nietzsche verfasst hat. Auch dabei sind Camila Moreno, ein junger Star der gegenwärtigen Latin-Szene Chiles, sowie Eduardo Yañez, ein Überlebender des Putsches, der im Nationalstadion die grässlichen Misshandlungen des Militärs schildert.

Manche von ihnen kennt heute kaum noch jemand, andere machen sich gerade erst auf, die Musikwelt zu erobern. Doch sie alle sind Sammler, Bewahrer, Bewunderer oder Erneuerer des "Nueva Canción Chilena", der politischen Musik der 60er- und 70er-Jahre. Einer ihrer Begründer war Víctor Jara, Vorbild für eine ganze Generation von Musikern und politischen Aktivisten. Er wurde 1973 durch mehr als 40 Maschinengewehrkugeln hingerichtet.

Man merkt dem Film deutlich die Verbundenheit González' zur Musik Lateinamerikas an, die so vielfältig ist wie die Landschaften des Kontinents. Sie kann mitreißend klingen oder melancholisch, trotzig und traurig, wütend und doch ganz sanft. Mal wird ein wildes "Loca, Loca, Loca!" über einen Marktplatz gejagt, mal eine verlorene Liebschaft leise besungen. In "El Viaje" scheinen Gesang und Gitarrenspiel ständig präsent, untermalen die Straßen- und Fahrtszenen, wirken dabei nie aufdringlich oder gekünstelt.

González ist als Protagonist zwar derjenige, der auf Selbstsuche geht, rückt sich selbst aber nie allzu sehr in den Vordergrund und gibt seinen Gesprächspartnern viel Raum. So kommen gegen Ende des Films auch Mitglieder der indigenen Bevölkerung Chiles, der Mapuche, zu Wort, die sonst selten Gehör finden. Sie kämpfen seit Jahren für die Rückgewinnung ihrer Gebiete und für den Stopp der dortigen Forstwirtschaft. Nicht nur diese Episode gewährt einen ersten Einblick in ein Land, das zu ergründen sich auch außerhalb der Bequemlichkeit des Kinosessels lohnt.

Quelle: teleschau - der mediendienst