Genius

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Am Anfang waren Worte - viele ...

Ein Genie verfügt per Definition über eine außergewöhnliche Begabung. Womöglich gibt es sie zu Hunderttausenden, zu Millionen. Wer weiß schon, wie viele als verrückt abgestempelt werden? Wie viele ihre Fähigkeiten nicht zu teilen bereit sind? Wie viele, und darum dreht sich dieser Film, womöglich unentdeckt oder ungefördert bleiben? "Genius" erzählt von einem solchen Genie und seinem Entdecker, der jedoch mehr ist als das. Er schleift das Talent ein, reduziert es aufs Wesentliche, korrigiert es, wo nötig, und lässt es doch im Kern bestehen und zur Entfaltung kommen. In Michael Grandages Historiendrama, das auf wahren Begebenheiten fußt, geht es zunächst um Literatur. Um deren Entstehung, Veröffentlichung und öffentliche Wahrnehmung. Ein trockenes, den meisten Zuschauern fremdes Thema, das hier über zwei herausragende Hauptdarsteller und das Thema "Freundschaft" greifbar gemacht werden soll. Ein komplexes Unterfangen.

Maxwell Perkins (Colin Firth) kennt heute kaum jemand mehr. Und vermutlich wäre es ihm auch genau so recht gewesen. Als Lektor arbeitet er im New York der 1920er-Jahre im renommierten Verlagshaus "Scribner's Sons". Er verfügt über die Fähigkeit, junge, talentierte Autoren als solche zu erkennen und sie zu leiten. Was zum einen mit seinem Auge fürs Wort zu tun hat. Perkins kürzt, schreibt um, ringt mit den Verfassern um Formulierungen. Er soll alles in sich vereinen: soll das Gespür für die Bedürfnisse der Leser haben und das für den Zeitgeist dazu. Wie muss ein Roman funktionieren, damit er Erfolg hat? Das ist die Kernfrage in seinem Leben. Doch da er es schon in jungen Jahren mit höchst selbstbewussten Autoren zu tun hat, muss Perkins auch ein geschickter Psychologe sein. Denn nicht jeder toleriert seine Korrekturen. Es ist ein ewig währendes Ringen.

Eines Tages steht der junge Thomas Wolfe (Jude Law) in seinem Büro. Bislang hat er für sein über tausendseitiges Manuskript nur Ablehnung erfahren. Perkins jedoch erkennt es, das literarische Genie. Nur: Wolfe formuliert zu ausschweifend. Er schreibt, wie er ist. Jude Law präsentiert ihn von Anfang an als wirres, aufgedrehtes, ewig plapperndes Wesen aus einer Art Wahnwelt. Ein junger, ungestümer Hengst, den zu zähmen eine Kunst ist. Der zwölf Jahre ältere Perkins will es versuchen, und es gelingt ihm. "Schau heimwärts, Engel" erscheint, um 300 Seiten reduziert, und wird ein großer Erfolg. Die Welt hat Wolfe als literarisches Talent wahrgenommen, und dieser verfällt noch mehr als zuvor der Euphorie.

5.000 Seiten, drei Holzkisten voll. Das ist sein nächstes handschriftliches Manuskript, das "Von Zeit und Strom" heißen soll. Spätestens jetzt wird diese Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Denn ja, es ist eine Beziehung. Keine erotische, aber eine symbiotische. Zwischen den beiden Männern hat sich eine tiefe Freundschaft entwickelt, die ob der gemeinsamen Arbeit unzählige Male auf die Probe gestellt wird. Doch die Leidenschaft fürs geschriebene Wort eint sie, lässt sie bisweilen gar in eine Art Wahn verfallen, dem alles zum Opfer fällt. Auch das Privatleben.

Um den Preis, den die Männer zahlen, sichtbar zu machen, haben sich Drehbuchautor John Logan und Regisseur Grandage entschlossen, ihren Frauen viel Spielzeit zu geben. Louise (Laura Linney), Ehefrau von Perkins, und Wolfes Geliebte Aline (Nicole Kidman) eint nicht nur der zeitliche Verzicht auf ihre Lebensgefährten. Zunehmend spüren sie darüber hinaus, dass sie ihre Partner auch emotional verlieren könnten. Perkins, der fünf Töchter hat, entdeckt, auch wenn er sich das selbst nicht eingestehen mag, in Wolfe den ersehnten Sohn. Und er empfindet es als Sünde, diesem Jungen nicht auf seinem Weg zum Erfolg zur Seite zu stehen. Die Frauen verzeihen das alles, und dann wieder nicht. Es kommt zu Ehekrisen, Zickenkriegen, Trennungen, Versöhnungen.

In seinen schlechten Momenten gerät "Genius" hier zur Soap, was so gar nicht zum literarischen Grundtenor passen mag. Obwohl die privaten Unstimmigkeiten zum Verständnis der Charaktere beitragen, wird ihnen dann doch unnötig viel Zeit eingeräumt, ohne dass das Wesen der beiden Frauen wirklich zur Entfaltung käme.

Es wirkt, als könne man dem Kinopublikum die komplexe Arbeit eines Lektors nicht über lange Zeit zumuten, was vermutlich ja auch stimmt. Es ist nicht einfach, die penible Arbeit am Geschriebenen sicht- und hörbar zu machen. Einmal, in einer wahrhaft brillanten Szene, wagt es der Film. Der Betrachter bekommt sie komplett vorgelesen, die ausufernden Worte des Autors, die in einem Buch geschrieben wohl weit über 30 Zeilen umfassen. Am Ende, nach mühsamem Kampf bleiben drei oder vier.

Seine Stärken hat das Drama vor allem zum Ende hin. Denn auch "Von Zeit und Strom" wird ein Erfolg, wird gelobt von den Kritikern. Nachdem Thomas Wolfe eine Widmung für Perkins an den Anfang gesetzt hat, tritt zutage, was schon lange schwelt: Ist womöglich Perkins das wahre Genie? Zwischen ihm und Wolfe entwickelt sich eine nicht mehr zu kittende Krise, die der Film auch anhand von Perkins' Begegnungen mit anderen Autoren deutlich macht: Ernest Hemingway (Dominic West) oder auch F. Scott Fitzgerald (Guy Pearce) - sie wurden gleichsam von dem Lektor zu dem gemacht, was sie sind. Vor allem Hemingway warnt Perkins vor einer allzu tiefen Bindung zu Thomas Wolfe. Die bis dahin nach außen abgeschlossene Beziehung von Lektor und Autor erhält eine neue Dimension. Mit Spannung wartet man darauf, wie das alles zu Ende gehen soll. Zumal man weiß, dass Wolfe noch eine Reihe weiterer Romane veröffentlicht hat.

"Genius" basiert auf A. Scott Bergs sorgsam recherchierter, preisgekrönter Biografie "Max Perkins: Editor of Genius". 20 Jahre dauerte es, bis der Weg auf die Leinwand geebnet war. Es ist eine interessante, weil eben gänzlich neue Geschichte, die durchaus Sogwirkung entfaltet, sofern ein grundlegendes Interesse an Hintergründen zum literarischen Betrieb besteht. Was indes zu kurz kommt, es mag am Budget gelegen haben, sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zum Ende der 20er- und Anfang der 30-Jahre. Die "Welt da draußen", jenseits der Verlagsbüros, kommt kaum vor, und so wirkt "Genius" am Ende eher wie Theater denn wie Film. Aber eben herausragend gespieltes Theater: Colin Firth und Jude Law - sie beide liefern fraglos ein schauspielerisches Bravourstück.

Quelle: teleschau - der mediendienst