Lights Out

Lights Out





Der Letzte macht das Licht an

Licht aus beim Schlafengehen? Lieber nicht. Denn was uns die Urangst unserer Kindheit lehrte, entpuppt sich im Großteil der Horrorfilme als Realität: Im Dunkeln lauert das Böse. Diesen volkstümlichen Gemeinplatz beanspruchte das Grusel-Genre seit jeher für sich - und setzt ihn seitdem variantenreich und oft vorhersehbar in Bilder um. Dass eine hokuspokusfreie Rückkehr zu den grundlegenden Ingredienzen manchmal ausreicht, um diesem uralten Sujet wieder Leben einzuhauchen, beweist der US-Horror "Lights Out". Die Heimsuchung einer dysfunktionalen Familie durch ein lichtscheues Wesen gerät in der souveränen Kurzfilm-Adaption zum klassischen Spiel mit Dunkelheit und Licht. Wirkungsvoll erinnert es daran: Mach um Gottes willen das Licht nicht aus!

Die Tatsache, dass sich Kinder und nicht wenige Erwachsene in der Dunkelheit ängstigen, lockt an sich keinen Horror-Freund vor die Leinwand. Zusätzlich benötigt es normalerweise Albträume ("Nightmare on Elm Street"), Found-Footage ("Paranormal Activity") oder Geisterhäuser ("Don't Be Afraid of the Dark"), um die wohl ursprünglichste Furcht des Menschen effektreich im Kino auszuschlachten. Es sei denn, man stellt es klug an: Was 2013 bereits dem hochgelobten britischen Kleinod "In Fear" als Pärchen-Kammerhorror gelang, überträgt der US-Schocker "Lights Out" nun auf eine psychopathologisch bedenkliche Familie: Das Dunkel, in dem der Schrecken lauert, gerät zum Hauptdarsteller.

Schreckliche Angst vor der Dunkelheit im Kinderzimmer plagte Rebecca (Teresa Palmer) als kleines Mädchen. Ob die seltsamen Gestalten, die sich im Schatten hinter der Tür, im Schrank und unterm Bett zu verbergen schienen, real oder eingebildet waren - das vermochte das arme Kind nie zu sagen. Dass jene Furcht vor der schwarzen Nacht nun auch den kleinen Halbbruder der inzwischen erwachsenen Rebecca befällt, weckt in der jungen Frau schlimme Erinnerungen: An den Vater, der die Familie von heute auf morgen spurlos verließ, an das bereits damals eigenartige Verhalten der depressiven Mutter (Maria Bello) mit ihren Wahnvorstellungen - und an jene grauenerregende schwarze Gestalt, die sich durch die dunklen Schatten einer verkorksten Kindheit schlich.

Ganz freudianisch scheint sich die Familiengeschichte in "Lights Out" zu wiederholen: Halbbruder Martin (Gabriel Bateman), dessen Vater ebenfalls auf (für den Zuschauer allerdings nicht ganz so) mysteriöse Weise ums Leben kam, sieht sich derselben düsteren Erscheinung ausgesetzt wie Rebecca damals: Kaum geht das Licht aus, bewegt sich ein monsterartiges Wesen ungelenk doch offensichtlich mordlüstern durch die Dunkelheit. Einziger Ausweg: Alle Lichter an! Denn das dämonenhafte Wesen, erfährt man bald, kann Lampen-, Kerzen- und sonstigen hellen Schein nicht leiden und verschwindet, sobald nicht alles in schönstes Dunkelschwarz getaucht ist. Als wäre das nicht nervig genug, packt auch die Frau Mama ihr bedrohliches Hobby wieder aus, dass sie schon in Rebeccas Kindheit vollübte: Sie hofiert das Dunkelheitsmonster, lädt es zum Filmschauen ein und nennt es beim Namen: Diana.

Was es mit jener offensichtlich nicht ganz irdischen Figur auf sich hat, erklärt "Lights Out" dankbarerweise in einer gelungenen Mixtur aus psychologischer Familengeschichtsaufarbeitung und klassischem Licht-Schatten-Horror. Der Dunkelheit als Quell des Bösen verleiht Regisseur David F. Sandberg, der seinem hochgelobten gleichnamigen Kurzfilm von 2014 damit eine Langversion spendiert, ein vitales Eigenleben: Schatten und schwarzes Nichts bekommen eine ungeahnte ästhetische Bedeutung, Lichtquellen eine beinahe erlöserhafte Aura. Mit derlei simplen Mitteln und ohne übliches Effektgewitter zielt das im positivsten Sinne schauderhafte Werk auf eine Urangst, die man schon gähnend im popkulturellen Archiv abgelegt hatte. "Lights Out" kramt sie samt einem kindlichen Wunsch wieder hervor: Kann ich bitte mit Licht schlafen?

Quelle: teleschau - der mediendienst