Seefeuer

Seefeuer





Die armen Seelen

Dass der italienische Dokumentarfilm "Fuocoammare", der unter dem deutschen Titel "Seefeuer" in den Kinos startet, bei der Berlinale 2016 den Goldenen Bären gewann, war keine große Überraschung. Regisseur Gianfranco Rosi galt mit seiner Lampedusa-Doku von Beginn an als Favorit des traditionell politischen Festivals. Es steht außer Frage, dass die Wahl von Jury-Präsidentin Meryl Streep und ihren Kollegen wichtig war: Der Film über das Leben auf und das Sterben vor Lampedusa zeigt das Herz eines Europas, das sich immer mehr auflöst.

"Seefeuer" war der erste lange Dokumentarfilm, der den Goldenen Bären gewann. So logisch seine Auszeichnung in diesen Zeiten auch war, künstlerisch gab es nicht nur bei der Berlinale weitaus stärkere Konkurrenz. Mit seinem Narrativ und der optischen Gestaltung sorgte Regisseur Rosi für ein gehöriges Maß an Ratlosigkeit.

Im Mittelpunkt steht ein neunjähriger Rotzlöffel: Samuele zieht mit einem Kumpel über die Insel, baut Steinschleudern, schießt auf Kakteen, spielt Krieg, bekommt eine Brille, isst Nudeln mit Papa und Oma. "Seefeuer" ist auch eine Reportage über das Leben am Rande der westlichen Zivilisation.

Flüchtlinge scheinen nur eine Nebenrolle zu spielen. Etwa in einer der täglichen Radiomeldungen, dass schon wieder ein Boot gekentert ist und Leichen im Meer treiben. "Die armen Seelen", entfährt es einer alten Frau, während sie weiter Mittagessen kocht.

Spektakuläre Bilder, dramatische Szenen - das alles etwas gibt es bei Rosi nicht. In gewisser Weise wirkt sein Film gleichgültig. Das ist natürlich Quatsch, "Seefeuer" ist alles andere. Die Kunstfertigkeit des Films erschließt sich im nicht Gezeigten: Auch wenn sie kaum jemand sieht, sind die Flüchtlinge natürlich da. Rosi macht sie in relativ wenigen Szenen sichtbar: nach ihrer Ankunft, wie sie diesel- und meerwassergetränkt von ihren Booten geholt, in Bussen zum nächsten Lager gebracht und dort mit mechanischer Routine untersucht und ins System Europa eingecheckt werden.

Die Flüchtlinge geraten zur grauen Masse von Menschen, um die sich ein paar Individuen auf Lampedusa kümmern. Ein Arzt etwa, der die Lebenden versorgt und den Toten Blut entnimmt, oder ihnen Finger oder Ohren abschneidet, damit die Leichen später identifiziert werden können.

Er ist direkt betroffen, von Europas größter Krise, die sich nach der Schließung der Balkanroute gerade wieder ins Mittelmeer verschoben hat. Und die anderen Menschen auf Lampedusa? Samuele trainiert auf dem Bootssteg seinen Gleichgewichtssinn, um eines Tages Fischer zu werden, wie sein Vater. Was um ihn herum passiert, bekommt er nicht mit.

Die Flüchtinge sind in "Seefeuer" genauso präsent wie in unserem Bewusstsein. Sie sind da, jeder weiß das. Aber sie sind selten Teil unseres Alltags. Andere Leute kümmern sich um sie oder ziehen die Leichen der Ertrunkenen aus dem Meer.

Es mag befremdlich wirken, dass Gianfranco Rosi viel Zeit mit Samuele verbracht hat. Aber der Filmemacher will nicht agitieren, spielt stattdessen mit Assoziationen und dem Unterbewusstsein. Wenn er die Küstenwache bei der Arbeit begleitet, sieht man keine hektischen Rettungsaktionen, sondern einen ruhig über die dunkle Meeresoberfläche gleitenden Lichtkegel. Wenn ein Taucher nach Muscheln in die Buchten vor der Insel absteigt, findet er Muscheln und nicht die vom Publikum erwarteten Leichen. Draußen im Meer geht für viele Menschen das Leben zu Ende. Auf Lampedusa geht es seinen gewohnten Gang.

Quelle: teleschau - der mediendienst