Heimatland

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Wolkig mit Aussicht auf Abhängigkeit

Wie wäre es wohl? Wie wäre es, wenn all die angehäuften Güter, das kleinbürgerliche Leben, die erstrebte Sicherheit plötzlich in Frage gestellt würden? Von heute auf morgen, nicht durch Krieg oder Krise oder Migranten, sondern durch eine läppische Wolke? Wie wäre es, wenn sich die Schweiz in ihrer hübsch eingerichteten Melange aus Reich- und Spießbürgertum in ihrem eidgenössischen Idyll unvermittelt bedroht sähe? Und wie wäre es dann, wenn diese Bedrohung Tausende veranlassen würde, die einstige Trutzburg namens Heimat zu verlassen, zu fliehen, Asyl zu suchen in den Nachbarländern? Wie das wohl wäre, spielt das bedrückende, unwirkliche Drama "Heimatland" minutiös durch. Ein Szenario, das als universelle Dystopie ebenso funktioniert wie als Abgesang auf ängstliche nationale Abschottung in Zeiten globalisierter Krisen.

Sie ist auf einmal da. Am Himmel über der Schweiz thront eine gigantische dunkle Wolke, die sich in kurzer Zeit über das ganze Land ausbreitet. Ebenso wie die Angst, von der die Bevölkerung ergriffen wird. Denn über Nacht verändert das bedrohliche Gebräu in der kleinen Alpenrepublik alles: Die Wolke geht nicht mehr weg, der Strom fällt aus, Stürme fegen über die Kantone. "Heimatland" schafft ein klassisches dystopisches Szenario, spielt mit dem Ungewissen, dem Unkontrollierbaren und Unfassbaren.

Wie das nie gesehene Phänomen entstehen konnte, vermag niemand zu sagen. Medien, Experten und Politiker ergehen sich in Erklärungsversuchen und Spekulationen. Während ahnungslose Wissenschaftler vor der Entladung der Wolke warnen, während Parteien die Situation für sich zu vereinnahmen suchen, während die journalistische Maschinerie gewohnt sensationslüstern schnurrt, brodeln in der Bevölkerung Panik, Wut und Chaos.

Plünderer brandschatzen in Zürich, die staatliche Gewalt kann ihre Herrschaft kaum noch ausüben. Anhand detailliert gezeichneter Charaktere wie der Polizistin Sandra (Julia Glaus), die der Gesetzlosigkeit die Stirn bieten soll, beleuchtet das vielköpfige Regie-Ensemble die Verunsicherung eines zuvor reibungslos funktionierenden Systems aus Kapital, Konsum, Bürokratie und Macht. Die Geschäftsfrau, der Fußball-Ultra, der Security-Mitarbeiter, der Taxifahrer, die Seniorin - das Bedrohliche zerfasert alte Rollen.

Die latente Barbarei, so zeigt "Heimatland" eindrucksvoll, durchbricht in der Ausnahmesituation die dünne Kruste der Zivilisation langsam und schmerzhaft. So nutzt der Führer einer Bürgermiliz (Stephan Gramlich) die drohende Katastrophe, um seine rechtspopulistischen Ergüsse eimerweise über den Haltsuchenden auszuschütten, die in Hetze und Pogrom eine Art Erlösung suchen. Erschreckenderweise ahnt der Zuschauer natürlich, dass ein solches Szenario angesichts von Schweizer Volkspartei, AfD, Pegida und anderer aufklärungsfeindlicher Konsorten inzwischen realen Zuständen näher ist, als dies noch vor wenigen Jahren denkbar gewesen wäre.

"Heimatland" trifft die Befindlichkeiten eines angesichts von Terror und Kriegsfolgen, Flüchtlingsströmen und Wirtschaftskrise zutiefst erschütterten Kontinents, in dem sich außerhalb des Normalzustandes längst überwunden geglaubte Ideologien wieder Bahn brechen. Das funktioniert als universelle Metapher gegen engstirniges und angstgeleitetes Einigeln ebenso wie als wirksame Spitze gegen Schweizer Zustände: Denn die Wolke, so zeigt das düster fotografierte Drama, macht an den Landesgrenzen einfach Halt, in Massen flüchten Hunderttausende in Richtung Deutschland, um dort Asyl zu suchen.

Auf einmal sieht sich die stolze, unabhängige, neutrale Schweiz in völliger Abhängigkeit von der EU und anderen Staaten. Als wäre dieser Stich in die anfälligste Wunde der Eidgenossen nicht bereits genug, erlauben sich die Filmemacher noch den finalen Todesstoß der Kritik: Deutschland macht die Grenzen dicht, lediglich die "Jugos" und andere EU-Bürger dürfen mit ihrem Pass über die Grenze. Wie wäre das wohl für jene, die aus lautem Hals wieder und wieder nationale Abschottung fordern?

Quelle: teleschau - der mediendienst