Zeit für Legenden

Zeit für Legenden





Born to run

Dass ein Biopic über Jesse Owens seine Daseinsberechtigung im Kino hat, steht außer Frage. Die Geschichte des US-amerikanischen Ausnahmeathleten ist beeindruckend: Owens pulverisierte in den 1930er-Jahren nicht nur zahlreiche Leichtathletik-Weltrekorde. Er gewann bei den Olympischen Spielen 1936 vier Goldmedaillen - als Afroamerikaner in Nazi-Deutschland, das damals kollektiv die arischen Wahnvorstellungen von Adolf Hitler teilte. "Zeit für Legenden" von Regisseur Stephen Hopkins will Jesse Owens nun ein Denkmal setzen - glanzvoll schimmernd, aber leider mit brüchigem Fundament.

"Race" heißt der Film im Original - und wie ein Rennen gestaltet ihn Hopkins auch. Es geht immer geradeaus, immer so schnell wie möglich von einem Punkt zum nächsten. Das ist nicht nur alles ein bisschen langweilig, ein bisschen pathetisch, ein bisschen uninspiriert. Es lässt auch kaum Zeit für wichtige biografische Aspekte, für nachdenkliche Töne und einen Blick über den Tellerrand der Heldenstory hinaus.

Immerhin straft der Film das IOC-Mantra Lügen, dass Sport nichts mit Politik zu habe. Das war schon 1936 ganz einfach falsch. Denn Deutschland und das Nationale Olympische Komitee der USA führten hinter den Kulissen Verhandlungen darüber, ob die USA überhaupt Athleten nach Berlin schicken sollten. Den Amerikaner war die Menschenrechtssituation in Nazi-Deutschland zu fraglich, der US-Gesandte Avery Brundage (Jeremy Irons) begnügte sich dann aber mit einer mündlichen Zusicherung von Joseph Goebbels (Barnaby Metschurat), dass Deutschland zumindest während der Olympischen Spiele nett zu Juden, Schwarzen und anderen Nicht-Herrenmenschen sein würde.

Jesse Owens, vom Kanadier Stephan James eindrücklich gespielt, kann also nach Berlin fahren. Glaubt man "Zeit für Legenden", gab sein Wunsch, "Hitler in den Arsch treten" zu wollen, den Ausschlag für seine Teilnahme. Zuvor hatte der Athlet einige Zweifel, ob er die Black community in den USA nicht verraten würde. Schließlich war die Situation von Afroamerikanern in den USA der 1930er-Jahre im Prinzip von derselben Diskriminierung geprägt, die auch in Deutschland herrschte.

Die innere Zerrissenheit Owens' bleibt aber nur eine Randnotiz in dem Film, der ihn in Hollywood-typischer Hochglanzmanier zum Sporthelden krönt. Sportlich prägt ihn sein Trainer Larry Snyder (Jason Sudeikis), der Owens am College zeigt, dass Talent allein nicht ausreicht, um ein Weltklassesportler zu werden. Nachdem das geklärt ist, folgt ein rasanter sportlicher Aufstieg im Schnelldurchlauf, eine Affäre, die Rückbesinnung auf seine Jugendliebe und seine Tochter und schließlich seine persönliche Zeit für Legenden in Berlin.

Wenn sich "Zeit für Legenden" um Hintergründe bemüht, bleibt vieles pflichtschuldige Andeutung: Figuren wie Josef Goebbels und Leni Riefenstahl (Carice van Houten) sind bloße Karikaturen; die US-Sportfunktionäre diskutieren zwar in staatstragenden Dialogen über die Teilnahme an den Spielen, erwähnen aber die Situation der Schwarzen im eigenen Land mit keinem Wort. Ein paar unzählige Male im Kino durchdeklinierte Symbolszenen müssen reichen, um die alltägliche Diskriminierung in den USA zu illustrieren.

Was am Ende übrig bleibt, ist ein Heldenporträt mit schalem Beigeschmack: So berechtigt "Zeit für Legenden" ist, so bitter ist die Erkenntnis, eine verpasste Chance zu sehen. Der Film funktioniert wie ein Sportgeschichtsreferat; sein Story-Potenzial der Story ruft er nur in den Szenen ab, in denen die Freundschaft zwischen Jesse Owens und dem deutschen Leichtathleten Luz Long (David Kross) gezeigt wird. Den beiden gelang es, 1936 in Berlin Hand in Hand die Rassengrenzen zu überwinden.

Quelle: teleschau - der mediendienst