Bolschoi Babylon

Bolschoi Babylon





Spitzenschuh und Schwefelsäure

Kommt die Haut mit Schwefelsäure in Berührung, passiert im Prinzip das Gleiche wie mit einem Frühstücksei in der Pfanne. Das Eiweiß in den Gewebezellen gerinnt, sie sterben ab. Schicht für Schicht frisst sich die Säure so durchs Fleisch und hinterlässt tiefe, schlecht heilende Wunden und später starke Narben. Im Gesicht von Sergej Filin sind sie bis heute zu sehen. Der ehemalige Direktor des legendären Moskauer Bolshoi-Theaters kam im Januar 2013 gerade von einer Vorstellung nach Hause, als ihm ein Vermummter Schwefelsäure ins Gesicht schüttete. Mit der Frage nach dem Täter und dessen Motiv ist die HBO-Doku "Bolshoi Babylon", die kürzlich auf dem Münchner Filmfest Deutschlandpremiere feierte, eher ein Krimi als ein Film über Ballett. Doch darüber hinaus gelingt es den Regisseuren Nick Read und Mark Franchetti, das Bolshoi wie ein Lebewesen zu charakterisieren.

Das Bolshoi, schwärmt ein Liebhaber, der seit 30 Jahren kaum eine Vorstellung verpasst, sei für ihn ein Tempel. Ein heiliger Ort, der - besonders in schwierigen Zeiten - Kraft und Hoffnung spende. Jedes Kind in Moskau kennt das Bolshoi (Russisch für "groß"), denn es ist der Stolz einer ganzen Nation. Vor allem zu Sowjet-Zeiten repräsentierte das Theater, das bis heute die größte Ballett-Kompanie der Welt besitzt, die Idee russischer Überlegenheit. Auch wenn der Glanz des alten Russlands inzwischen verblasst ist, liebt der Kreml das Bolshoi noch heute. Im Regierungsetat hat es einen festen Platz - mit allen Konsequenzen: 60 Prozent aller finanziellen und künstlerischen Entscheidungen des Hauses müssen vom Kreml abgesegnet werden.

Diese Liaison des Bolshoi mit der Macht ist das erste Mosaiksteinchen bei der Suche nach dem Verantwortlichen des Säureanschlags auf Sergej Filin. Ein weiteres sind die Tänzer und ihre Lebensrealität am Bolshoi. "Wenn meine Tochter Ballerina werden will, werde ich es ihr verbieten", erklärt eine der Solistinnen bitter. "Hier gibt es keine Töpfe mit Gold, nur körperliche Entbehrungen." Vom Rausch auf der Bühne sprechen die Star-Tänzerinnen und -Tänzer, vom Hunger nach dem Rampenlicht, aber auch vom Raubbau am eigenen Körper und den großen persönlichen Opfern, die das Leben als Profitänzer ihnen abverlangt.

Eine Jugend im Ballettstudio, hungern für die makellose Silhouette, trainieren bis die Sehnen reißen - ganz klar: Wer sich Jahrzehnte lang so schindet, will belohnt werden. Mit dem ganz großen Solo-Part, mit Blumenregen und stehenden Ovationen. Doch was, wenn das alles ausbleibt? Wenn immer nur andere die große Chance erhalten? Unter der Leitung Sergej Filins war der Casting-Prozess am Bolshoi für die Tänzer undurchsichtig. Sie wurden mit Entscheidungen bezüglich der Besetzung konfrontiert, ohne die Hintergründe zu erfahren. Der Begriff "Korruption" fällt mehr als einmal. Mit diesem Wissen im Hintergrund fällt es nicht schwer nachzuvollziehen, dass der charismatische Filin viele Feinde hatte.

Behutsam und mit kühlem Kopf tasten Nick Read und Mark Franchetti das Narbengewebe über dem Traditionshaus ab und verweilen immer genau da, wo es noch am meisten schmerzt. Neben einem untrüglichen Instinkt für die Graustufen der Wahrheit besitzt "Bolshoi Babylon" zwei weitere große Stärken: Der Film lässt nicht zu, dass die Zuschauer mit irgendwem sympathisieren. Der amtierende Direktor Vladimir Urin, der Hauptverdächtige Pavel Dmitrichenko und selbst das Opfer Sergej Filin - eine weiße Weste hat hier keiner. Außerdem ergründet das Filmteam das seit 1776 bestehende Theater in bemerkenswerter Tiefe. Mit teils überraschender Offenheit äußern sich Künstler, Hauptakteure, Strippenzieher (selbst Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew kommt zu Wort) und Liebhaber des Hauses gleichermaßen.

Die dunkle Seite des Balletts stand in Darren Aronofskys Psychothriller "Black Swan" (2010) und zuletzt in der US-Fernsehserie "Flesh and Bone" (2015) im Mittelpunkt fiktionaler Stoffe. In "Bolshoi Babylon" tritt die Fratze dieser Kunstform aber noch viel beklemmender hervor. Ganz einfach deshalb, weil das toxische Gemisch aus Niedertracht, Gier und Missgunst nicht aus der Feder eines Drehbuchautors stammt. Hier ist es so real, dass es sogar ein Gesicht verätzte.

Quelle: teleschau - der mediendienst