The Girl King

The Girl King





Majestätischer Scherz und Schmerz

Wie ein Musikstück setzt "The Girl King" gleich zu Anfang die vorherrschende Tonart. Orgelgedröhn begleitet ein Schriftbild zum Jahr 1632 und dem anhaltenden Dreißigjährigen Krieg. Hoch zu Roß bleckt König Gustav II. von Schweden (Samuli Edelmann) die Zähne und haut bös mit dem Degen zu. Da kracht eine Muskete. Die Kugel dringt in den Monarchenkörper ein und am Rücken mit Blut wieder aus, seine Majestät fällt sterbend und irre im Gesicht zuckend in den Dreck. Comichaft zugespitzt und mit Anflügen der Farce drückt der finnische Regisseur Mika Kaurismäki, Aki Kaurismäkis älterer Bruder, ein tiefes Misstrauen gegenüber geschichtlichem Pathos aus. Er tauscht den Historienfilm gegen die Historienposse. Trotzdem gelingt ihm das Biopic über Gustavs Nachfolgerin Kristina als kritische Respektsbezeugung vor einer Respektlosen.

Diese Kristina verliert nicht nur früh den Vater, sondern hat es auch mit ihrer Mutter Maria Elenora (eine endlich auch mal durchgedrehte Martina Gedeck) nicht leicht: Zwei Jahre hat sie den einbalsamierten Leichnam ihres Gatten neben sich im Bett liegen gehabt, beschützt von Liliputaner-Wächtern mit etwas zu großen Hellebarden. Für Reichskanzler Axel Oxenstierna (Michael Nyqvist) ist klar: Aus diesen kaputten Verhältnissen muss die Tochter schleunigst errettet werden. Gemäß dem väterlichen Willen erzieht er Kristina wie einen Jungen und streng protestantisch. Doch wie nicht eben selten ist Undank solcher Bemühungen Lohn.

Die Teenagerin Kristina (Malin Buska) verdreht schon beim Namen Luther die Augen und schwärmt stattdessen für den rationalistischen Philosophen Descartes (Patrick Bauchau). Als sie mit 18 Jahren den Thron besteigt, hält sie vor den blümerant dreinblickenden Hofschranzen eine ganz und gar selbst geschriebene und ziemlich provozierende Thronrede, zieht in der Folge ihr männlich-ledernes Reiterdress kaum aus und führt Beratungen mit dem Kronrat grundsätzlich mit ihren Stiefeln auf dem Tisch durch.

Weil die willensstarke Kristina ihre Freiheit bewahren will, kommt eine Ehe gar nicht in Frage. Ohnehin gilt ihre erotische Zuneigung der Hofdame und Comtesse Ebba Sparre (Sarah Gadon), der sie den Posten des "königlichen Bettgefährten" verleiht. Das bereitet dem Reichskanzler arges Kopfzerbrechen, hat er doch für seinen Sohn, den aalglatten Grafen Johan (Lucas Bryant), die Königsposition an Christinas Seite vorgesehen.

Somit ist diese burschikose Kristina, deren Darstellerin Malin Buska an die junge Eva Matthes erinnert, denkbar weit von dem ätherischen Wesen entfernt, das Greta Garbo in der berühmten Verfilmung von 1933 zum Besten gab. Die Göttliche entfaltete den bei ihr so gewohnten Dreiklang aus romantischer Träumerei, aufwallender Leidenschaft und trauriger Entsagung. Die Gemahnung daran beschwört den derbsten Fluch der neuen Kino-Kristina herauf: "Beim Arsche Gottes!"

Aber es gibt auch leise und charmante Scherze. Wenn Kristina ihrer Ebba mit einnehmender Direktheit amourös-komplizenhaft zuzwinkert, ist das auch ein ironisch-amüsierendes Signal ans Publikum. Doch nicht um den Preis des Verzichts auf Vielschichtigkeit. Die Würde des Schmerzes der Königin, dass ihre gleichgeschlechtliche Liebe kaum lebbar ist, erfährt ebenso Achtung wie die Würde Ebbas, die sich Kristinas Begehren unterwerfen muss. "The Girl King" feiert witzig bis trashig den Frühfeminimus und behält dabei die verheerenden Folgen von Herrschaftswillkür und Machtzwängen stets scharf im Auge.

Quelle: teleschau - der mediendienst