Independence Day: Wiederkehr

Independence Day: Wiederkehr





Völlig losgelöst

Eines muss man Roland Emmerich lassen: Keiner legt in Sachen Katastrophenfilm eine vergleichsweise pragmatischere Sicht an den Tag. Nie nahm der Wahlkalifornier seine Werke ernster als nötig, nie überhöhte er sie metaphysisch mehr als im patriotischen Weltenretter-Genre erwartet, nie richtete er sich nach kursierenden Arthouse- oder Superheldentrends. Selbst dem Sequel-Hype verwehrte sich der 60-Jährige lange Zeit vehement. Zumindest letzteres Prinzip wirft der gebürtige Schwabe 20 Jahre nach seinem Durchbruch kurzerhand über den Haufen: Mit "Independence Day: Wiederkehr" setzt der Zerstörungs-Experte den Megaerfolg von 1996 fort und zerlegt darin unsere Erde mit Hilfe ziemlich wütender Außerirdischer bombastischer denn je. Doch auch alle Wahnwitz-Effekte zusammen vermögen kaum zu überspielen, dass das Sci-Fi-Spektakel samt seiner alienerzürnenden Blödsinns-Story dem Anarcho-Spaß des Vorgängers nur in Ansätzen gerecht wird.

Normalerweise läuft es ja so: Man verlässt das Kino nach einem Roland-Emmerich-Film in der wohligen Gewissheit, dass auch ein deutschstämmiger Regisseur coole Ami-Kracher zu produzieren imstande ist. Dass man von dem eben gesehenen Quatsch zumindest an der Oberfläche wahnsinnig gut unterhalten wurde. Dass es angesichts der herrlichen Explosionen, Zerstörungen und sonstigen Special Effects sowas von herzlich egal ist, dass Dialoge, Drehbuch, Dramatik eher weniger den Ansprüchen verstockter Cineasten genügen. Beweise gibt es von "2012" bis "The Day After Tomorrow" zuhauf.

In Sachen Kaputtheits-Erwartung verhält es sich mit "Independence Day: Wiederkehr" natürlich ähnlich - jener seit Jahren erträumten Quasi-Fortsetzung des größten Emmerich-Erfolgs überhaupt. Und doch richtete sich die Sehnsucht des Publikums im Gegensatz zu den von seelenlosen Charakteren getragenen Katastrophenkrachern nicht nur auf die reine Brachialorgie - sie übertrifft sie. Nichts erhoffte man sich von der "Wiederkehr" mehr als eine Wiederkehr: des anarchischen Witzes, der beiläufigen Heldentaten, der unperfekten wie charakterstarken Figuren, die den Vorgänger 1996 zum wahren Kultwerk machten. Leider muss man sagen: Sie kehren trotz bekannter Gesichter nicht wieder.

Die Aliens hingegen schon: 20 Jahre nach der Invasion, bei der die Hälfte der Menschheit ums Leben kam, bedrohen die ekelhaften Tentakelschleimlinge abermals den Blauen Planeten. Die gute Nachricht: Glücklicherweise haben wir uns 1996 beim Verjagen der Außerirdischen umfassend mit deren Technologie ausgerüstet und unter Zuhilfenahme des Mondes ein futuristisches Abwehrsystem errichtet. Die schlechte: Erstens ist der weltrettende Pilot Steven Hiller aus dem ersten Teil tot - beziehungsweise hatte sein Darsteller Will Smith zum Ärger Emmerichs keine Lust auf eine Fortsetzung, weshalb der Regisseur dessen einst heldenhaft gegen übermächtige Gegner triumphierende Figur bei einem lächerlichen Testflug sterben ließ. Und zweitens sind die Aliens, vor deren erneuter Ankunft der inzwischen verrückte Ex-US-Präsi (Bill Pullman) warnte, diesmal mit einem Megaoschi von Raumschiff am Start.

Und das hat es in sich: Ebenso wie der Sci-Fi-Klassiker damals, definiert heute auch das Sequel beeindruckend den State-of-the-Art der Spezialeffekte - alles natürlich nicht nur eine Spur, sondern ganze Highways bombastischer. Das vergleichsweise läppische Alien-Schiff der 90-er wurde durch eine unfassbare Raumstation epischen Ausmaßes ersetzt: Halb so groß wie die Erde thront das Invasionsgerät der Angreifer diesmal über selbiger. Auch mit der 1996 noch nicht von realer Bedrohung überschatteten Zerstörung US-amerikanischer Symbole, damals des Empire State Buildings und des Weißen Hauses, gibt sich Emmerich nicht zufrieden: Heutzutage müssen schon die über Jahrhunderte entstandenen menschlichen Schöpfungen ganzer Kontinente dran glauben. Angezogen von der Gravitation des XXXXL-Spaceshipbrockens am Himmel löst es Häuser, Flugzeuge, Sehenswürdigkeiten, Städte - kurz: einfach alles - völlig von der Erde, wirbelt es durch die Atmosphäre und lässt es schließlich auf einen anderen Kontinent stürzen. Asien einfach mal auf Amerika fallen zu lassen - allein für diese in wahnwitzigen Effekten umgesetzte Idee gebührt Emmerich Respekt.

Wäre da nicht der fehlende, im Vorgänger so geliebte wilde Geist, dessen Mangel auch die CGI-Effekte nicht kaschieren können. Im Gegenteil lassen die bis zur Fast-Manie betriebenen Bluescreen-Massaker die blassen Charaktere und ihre bisweilen unerträglich dümmlichen Handlungen und Dialoge umso stärker hervortreten. Egal ob Jessie Usher als Sohn von Smith' Figur, Liam Hemsworth als junger Kampfpilot oder selbst Charlotte Gainsbourg als Wissenschaftlerin - peinlicher war es selten, Emmerich-Figurenkonstellationen zuzusehen. Die aus Teil Eins gewohnte und lobenswerte Selbstironie, der anarchische Witz - sie blitzen höchstens im Comeback von Jeff Goldblum als sarkastischem Techniker David oder Brent Spiner als slapstickendem Astrophysiker Dr. Okun auf.

Die gewohnt hanebüchene Story lässt sich in "Independence Day: Wiederkehr" nicht mehr nur als blödsinnige Füllmasse zwischen grandiosen Plattmachszenen ignorieren, sondern trübt in ihrer langweiligen Beliebigkeit leider tatsächlich den Genuss der wichtigen Szenen. Für letztere wünschte man sich von Emmerich, der im Falle eines Erfolgs der "Wiederkehr" bereits einen interstellaren dritten Teil ankündigte, eine Art Director's-Super-Cut aus Kampf- und Katastrophen-Orgien. Seinem Pragmatismus würde das in jedem Fall gerecht.

Quelle: teleschau - der mediendienst