Deutschland. Dein Selbstporträt

Deutschland. Dein Selbstporträt





Rettet die Telefonzelle!

Es sollte ein Samstag sein, ein Wochentag, an dem die Menschen Zeit haben, aber dennoch auch das Thema Arbeit eine Rolle spielt. Am 20. Juni 2015 waren die Menschen in Deutschland dazu aufgerufen, ihr Leben zu filmen und dabei - so die Hoffnung der Macher - etwas über ihr Land zu erzählen. Was herauskam, wirkt mal banal, mal bewegend und dann wieder verblüffend: "Deutschland. Dein Selbstporträt" überzeugt als ein Movie-Selfie, der hemmungslos subjektive Eindrücke abliefert. Wie "deutsch" das ist, kann jeder selbst herausfinden.

Die Aufforderung, sich und seine Sicht der Dinge in Szene zu setzen, kam in Zeiten der Selfie-Manie gut an. Die neuen Smartphones ermöglichen es, dass in jeder Lebenslage in guter Qualität gefilmt werden kann. So hat Sönke Wortmanns Film wenig visuelle Ausrutscher. Hilfreich war sicher auch der Hinweis an die Kameraleute in spe, immer im Querformat zu drehen, da sich sonst die schönste Story nicht zeigen lässt. In puncto Qualität beschleicht einen als Zuschauer sogar das Gefühl, dass bei so mancher Episode ein Profi mitgeholfen hat.

Tatsächlich animierten professionelle Rechercheure im Auftrag der Produzenten spätere Protagonisten mit interessanter Geschichte oder Menschen, die besondere Aktionen an diesem Tag planten, zur Kamera zu greifen. Am Ende standen dem Team rund um Sönke Wortmann und dem Cutter Ueli Christen 10.000 Beiträge für den Kompilationsfilm zur Verfügung. Die Idee ist übrigens keineswegs neu: 2011 zeigte Ridley Scott mit "Life in a Day" auf YouTube unterhaltsame Alltagsgeschichten mit Hilfe von Einsendungen aus aller Welt.

Um den Mitwirkenden auch inhaltlich etwas auf die Sprünge zu helfen und Meinungen zu Deutschland zu bekommen, stellte Wortmann drei Leitfragen, an denen sich, wer wollte, orientieren konnte: Was macht dich glücklich? Wovor hast du Angst? Was bedeutet Deutschland für dich? Viele haben sich daran gehalten, andere bringen ganz andere Themen auf die Leinwand, das Verschwinden der Telefonzelle beispielsweise. Oder die Schulden, die eine junge Frau dazu treiben, um eine Spende zu bitten. Oder die Reparatur-Odyssee mit seinem Auto, die einen Mann rasend macht. Zu sehen sind Leute mit lustigen Spleens neben Menschen, die ihre Traurigkeit und Ängste thematisieren, auf Missstände, Krankheiten oder persönliche Schicksalsschläge aufmerksam machen, aber auch eben mal meckern und stänkern wollen.

Der Film beginnt in den frühen Morgenstunden mit dem Gang der Ersten zur Arbeit und Einblicken in interessante Tätigkeitsfelder. Chronologie spielt eine Rolle, das hängt auch mit den sich verändernden Lichtverhältnissen in den Filmen und dem Wetter zusammen. "Es ist Sommer, aber nicht in Deutschland", heißt es von einer Frau, deren Pläne der Regen durchkreuzt. Absurdes kommt vom immer noch nicht fertigen Berliner Flughafen: Ein Bus hält auf einem riesigen Parkplatz, niemand steigt aus und niemand ein. Hauptsächlich wurde das Material aber thematisch angeordnet. Der kurz zu sehende Nackte mit der E-Gitarre zum Thema "Musik" lässt ahnen, was das Filmteam beim Sichten so alles unter die Augen gekommen sein mag.

Es wirkt sympathisch, dieses Deutschland - und untypisch jung. Neben dem Rentnerehepaar, das für selbstgekochtes und exquisites Essen wirbt, sind nicht viele weitere betagte Protagonisten zu sehen. Der Soundtrack gießt über die vielfältigen Clips noch ein bisschen Feelgood-Stimmung, und fertig ist das neue Sommermärchen. Obwohl - und das sollte nicht verschwiegen werden - man durch den Film Menschen kennenlernen darf, bei denen man sich freut, dass sie mit einem in diesem Land leben.

Quelle: teleschau - der mediendienst