High-Rise

High-Rise





Hoch. Hinaus. Hemmungslos

Wir schreiben das Jahr 1975. Ein Gebäude, 40 Stockwerke, zwei Klassen. In den oberen Etagen befindet sich die High Society - hier wird gekokst, gesoffen, gevögelt und gefeiert. Im unteren Teil des Gebäudes lebt die Unterschicht - dort wird ... eigentlich auch nur gekokst, gesoffen, gevögelt und gefeiert. Und irgendwo dazwischen landet Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston). Nach seiner Scheidung ist er auf der Suche nach einem Platz der Ruhe und Anonymität. Der monströse Wolkenkratzer westlich von London scheint ihm ein geeigneter Ort, um neu anzufangen. Doch ehe er sich versieht, ist er Teil dieses Kosmos eines verrückt gewordenen Hochhauses. So führt "High-Rise" in eine Dystopie, in der selbst besonnene, integre Typen wie Dr. Laing auf die falsche Bahn geraten.

Als schillernder Neuankömmling ist Dr. Laing schnell in aller Munde, denn die Wände des futuristischen Gebäudes haben Ohren. Dennoch tut er sich schwer, als aufrichtiger Junggeselle seinen Platz innerhalb dieser in sich geschlossenen, verwilderten Welt zu finden. Doch der Teufel ruht nicht und so dauert es nicht lange, bis das Gebäude mit all seinen skurrilen Bewohnern Dr. Laing in seinen Bann gezogen hat. Auch er entlarvt sich alsbald als triebgesteuertes, animalisches Wesen. Ein Quickie auf der Dachterrasse mit Charlotte (Sienna Miller), der verführerischen alleinerziehenden Mutter, die oberhalb von ihm wohnt, und schon ist Dr. Laing aller Unsitte und Lüsternheit verfallen.

Charlotte, deren Netzwerk das gesamte Gebäude umspannt, führt ihn durch die Klassen des Hauses. Er macht Bekanntschaft mit Bewohnern der unteren Stockwerke: Wilder (Luke Evans), ein so exzentrischer wie gescheiterter Dokumentarfilmer, seine hochschwangere Frau Helen (Elisabeth Moss), die die Eskapaden ihres Mannes im Kreise ihrer drei Kinder erträgt, und einigen anderen der Unterschicht. Auch die Bewohner der höheren Stockwerke lernt Robert alsbald kennen: den Architekten des Gebäudes Royal (Jeremy Irons), seine arrogante Ehefrau Ann (Keeley Hawes), die im Park auf dem Dach des Gebäudes ein weißes Pferd herumspazieren führt, und einige Angestellte und Freunde des elitären Kreises.

Langsam aber sicher beginnt die Zweiklassengesellschaft innerhalb des Wolkenkratzers ins Wanken zu geraten. Die Menschen aus den obersten fünf und den untersten zehn Stockwerken fangen an, sich zu bekriegen. Die einen fühlen sich vom Pöbel gestört, die anderen von der Elite missachtet. Kot wird den Aufzug des Hochhauses auf und ab transportiert, Hunde werden im Schwimmbad ertränkt, dazwischen wird geraucht, gelutscht und geleckt, was das Zeug hält.

Auf eindringliche Weise untermalt vor allem die Musik den dramatischen Verfall des Klein-Kosmos' in Sachen Moral gleich wie in puncto Elektrizität. Müllberge und Exkremente türmen sich inmitten einer völlig enthemmten Gesellschaft, die im 70er-Jahre-Look schillert und tanzt. Auch Dr. Laings Persönlichkeit und Geist scheinen mehr und mehr von Rissen und Störungen heimgesucht zu werden. So gelingt es dieser schmutzigen Welt, einen reinen Menschen wie ihn zu verschlingen.

Mit seiner Adaption des gleichnamigen Science-Fiction-Romans von J.G. Ballard aus dem Jahr 1975 wollte Regisseur Ben Wheatley ein Werk schaffen, das sich "gewagt, witzig und erfrischend schockierend" zugleich zeigt. Tatsächlich schießt "High-Rise" in die Lüfte wie 20 Raketen an Silvester: mit tollen Bildern, eindringlicher Musik, einer Geschichte, die packt, und einem durchweg überzeugendem Schauspiel. Und doch treibt es den Film etwas über's Ziel hinaus, denn der große Akkord des Zusammenspiels, das funkelnde Feuerwerk der Erleuchtung bleiben aus. Vielleicht weil weniger oft mehr und zu viel einfach zu viel ist. Vielleicht weil sich die Sinne schwer tun, all diese Eindrücke voller Farben, Irritation und Gefühl aufzufangen. So fordert der Film "High-Rise" heraus, wo er nur kann, jedoch mit dem Ergebnis, den Zuschauer am Ende vollends zu überfordern.

Quelle: teleschau - der mediendienst