90 Minuten - Bei Abpfiff Frieden

90 Minuten - Bei Abpfiff Frieden





Die schönste Hauptsache der Welt

Politik hat im Stadion nichts zu suchen. Und sowieso: Fußball ist Fußball, Politik ist Politik. Dass es natürlich immer wieder Duelle zwischen zwei "verfeindeten" Nationen gibt, ehemalige oder gar aktuelle Unstimmigkeiten auch an Fußballern und vor allem am Publikum nicht ohne Weiteres vorübergehen: trotz aller guten Vorsätze nicht zu verhindern. "90 Minuten - Bei Abpfiff Frieden" ist eine Zuspitzung des Ganzen, eine Mockumentary, die ein scheinbar unmögliches Szenario darlegt: Israel und Palästina tragen ihren Jahrzehnte währenden Zwist auf dem Fußballfeld aus. Wer gewinnt, bekommt den Landstrich zwischen Mittel- und Totem Meer, zwischen den Golanhöhen und der Sinai-Halbinsel. Der Verlierer hat sich zu verpfeifen.

Zwei Männer stehen im Mittelpunkt. Moshe Ivgy spielt den Direktor des israelischen Fußballverbandes, Norman Issa sein palästinenisches Pendant. Zwei Männer mit Herzblut, Stolz, echte Schlitzohren einfach. Regisseur und Co-Autor Eyal Halfon lässt die beiden Männer immer wieder aufeinandertreffen, inszeniert mit ihnen den Nahostkonflikt im Kleinen: Schikane von israelischer Seite wird stets mit zwielichtigen Gegenaktionen gekontert. Dazwischen versucht die IFA (auf das erste F verzichtete man wohl aus lizenztechnischen Gründen) zu vermitteln, offenbart dabei aber nur fehlende Weitsicht und die zu erwartende Weldfremdheit.

Nicht mal die Wahl des Schiedsrichters ist ein Leichtes bei den beiden Streithähnen. Kein Schwede, kein Engländer, kein Deutscher! Letzterer ist der Trainer der israelischen Auswahl. Herr Müller (Detlev Buck) sagt zwar im Interview, er sein nur ein "Soccer Coach", doch das Wörtchen "nur" gibt es in der aufgekochten Atmosphäre längst nicht mehr. Ihm und den beiden Funktionären ist der Druck anzusehen; vieles, alles hängt von ihnen ab.

Die Stärke der israelisch-deutschen Co-Produktion, die vorschnell wohl des Mockumentary-Stils wegen oft als Komödie ausgezeichnet wird, ist seine Offenheit. Der Hass der beiden Völker aufeinander wird nicht beschönigt, die Vorwürfe, die sich beide Kontrahenten um die Ohren werfen, fallen fraglos auch bei jedem Friedensgipfel. Der rechte Verteidiger der Israelis wechselt ob seiner palästinensischen Wurzeln die Seiten, noch am selben Tag brennt sein Auto. Die Grenzsoldaten sperren den Gaza-Streifen ab, eine Zusammenführung der auf die Autonomiegebiete, gar weltweit verstreuten Mannschaft soll mit allen tückischen Mitteln verhindert werden.

Die Bühnen-, TV- und Kinostars aus Nahost, Ivgy und Issa, leisten sich bei aller Satire und Undenkbarkeit einen ergreifenden Schlagabtausch; beide Seiten werden beiläufig ausgeleuchtet, sodass man sich als Zuschauer wie immer beim vorliegenden Konflikt nicht uneingeschränkt für eine entscheiden kann. Es benötigt schließlich den Einsatz des Austragungslandes Portugal und die erfrischende Neutralität der Portugiesen, dass das Spiel überhaupt über die Bühne geht. Doch ist dies der richtige Weg? Findet man nicht doch irgendwie einen Kompromiss? Wenn der Ball rollt, schalten die Mockumentary-Kameras ab. Das Ergebnis bleibt unklar. Warum? Weil es an einer alten Weisheit nichts zu rütteln gibt: Politik hat im Stadion nichts zu suchen. Und sowieso: Fußball ist Fußball, Politik ist Politik.

Quelle: teleschau - der mediendienst