Ein ganzes halbes Jahr

Ein ganzes halbes Jahr





Liebe zwischen zwei Welten

Wo die Liebe hinfällt, ziehen sich Gegensätze an. Und das alles, weil der Zufall es so will. Wie auch immer die Hausfrauenpsychologie es in Worte fasst: Das Prinzip funktioniert immer gleich und stets zuverlässig, egal ob im Buch, im Film, ja manchmal sogar im echten Leben. So auch in "Ein ganzes halbes Jahr", Bestseller aus dem Jahr 2013 von Jojo Moyes, der Thea Sharrock nun als Vorlage für ihr Spielfilm-Debüt diente: eine Liebesgeschichte zwischen zwei ganz und gar Fremden, die sich auf Umwegen lieben lernen.

Auf der einen Seite ist da Louisa "Lou" Clark (Emilia Clarke), ein wunderbar-verspieltes Wesen, das einem Märchenbuch entsprungen zu sein scheint. Als 26-jährige Träumerin tänzelt sie auf ihren knallbunten Pumps durch die kleinkarierte Vorstadtwelt Englands, hangelt sich von einem Job zum nächsten, angetrieben von unerschöpflicher Hoffnung, Menschenliebe und Lebensfreude. Auf der ganz anderen Seite, jedoch gar nicht so weit von Lou entfernt, sitzt Will Traynor (Sam Claflin) in seinem sterilen Schloss, hört tiefdüstere Elektro-Beats, verlebt sein Dasein in bitterer Tristesse und träumt sich zurück in die Vergangenheit, in der er als junger Banker erfolgreich und von Frauen umgarnt sein Leben genoss.

Unverhofft kommt oft und die Wege der beiden vollkommen gegensätzlichen Menschen kreuzen sich. Denn Will ist vom Hals abwärts gelähmt und an einen Rollstuhl gefesselt, seit er vor zwei Jahren von einem Motorrad erfasst wurde. Lou Clark soll es sein, die ihn von nun an als Pflegerin und unterhaltsame Gesellschafterin zur Seite steht.

Emilia Clarke und Sam Claflin gelingt ein authentisches wie unterhaltsames Zusammenspiel zwischen zwei Menschen, die sich einander zögerlich annähern, jedoch sich zu Beginn der Geschichte ganz und gar fremd sind: in Anbetracht ihrer Lebenshaltung - Optimismus versus Lebensverachtung; in Anbetracht ihrer sozialen Herkunft - noble Wohlstandsgesellschaft versus einfache Arbeiterschicht; in Anbetracht ihrer Lebensumstände - ein Körper, tänzelnd auf pinken High-Heels versus ein Körper, gegeißelt in seiner Lähmung. Clarke, die als kämpferische Drachenkönigin aus "Game Of Thrones" bekannt ist, überrascht und entzückt durch ihre brillante Darbietung eines naiv liebevollen, chaotischen Gutmädchens. Claflin schlüpft überzeugend in die Rolle eines behinderten Mannes, der seinen Lebenswillen schon lange abgelegt hat.

Die Begegnung der beiden soll die Haltung eines jeden grundlegend in Frage stellen. Der scheinbar unverwüstliche Optimismus von Lou gerät an seine Grenzen, denn mit jedem Tag, dem sie Will näher kommt, treten auch Traurigkeit und Verzweiflung näher an sie heran: Seinem Leben in der Schweiz durch Sterbehilfe ein Ende zu setzen, hat Will entschieden, noch bevor er Lou kannte; davon lässt er sich auch nicht abbringen. Dennoch scheint er mit der quirligen jungen Frau an seiner Seite längst verjagte Lebensgeister zurückzulocken und ins Herz zu schließen. Dieses zerbrechliche Kennen- und Liebenlernen auf die Leinwand zu projizieren, gelingt Thea Sharrock auf solide Art und Weise, und wird der Vorlage von Jojo Moyes, die auch für das Drehbuch verantwortlich ist, gerecht.

Obwohl der Film sehr angepasst und unverfänglich wirkt, sorgte er in der Öffentlichkeit bereits für Kontroversen. Vor allem aus den Kreisen behinderter Menschen wurden kritische Stimmen laut. Durch Will, dessen Leben anfangs nur von Verzweiflung und Verachtung geprägt ist, würde ein falsches Bild von Menschen mit Behinderungen vermittelt. Die Vermutung, diese seien grundsätzlich lebensmüde, deprimiert und gar der Sterbehilfe beziehungsweise dem Suizid zugewandt, werde nahegelegt. Mitunter bestehe das Problem auch darin, dass nicht behinderte Schauspieler in Rollen behinderter Menschen schlüpfen. Letztendlich ist auch Schreiberin Moyes auf zwei gesunden Beinen unterwegs.

Einen Film zu lesen und zu deuten, ist eine ganz individuelle Angelegenheit; ob und wie viele Zuschauer tatsächlich von Wills fiktivem Einzelschicksal auf das Schicksal aller beeinträchtigten Menschen schließen, und ob und wie viele behinderte Menschen sich gar durch Wills Entschluss zur Sterbehilfe angesprochen fühlen: Diese Fragen bleiben ungeklärt. Fakt ist, "Ein ganzes halbes Jahr" zeigt sich eindeutig als fiktive Geschichte, die mit ihrem Protagonisten Will ein ganz individuelles Bild eines Menschen zeichnet. Dabei steht vor allem dessen Persönlichkeit im Zentrum des Geschehens, auch dessen Freiheit, nicht aber seine Behinderung.

Quelle: teleschau - der mediendienst