The Neon Demon

The Neon Demon





Der grausame Schein

Ein leuchtend roter Fluss Menstruationsblutes ergießt sich gen Kamera. Eine junge Frau erbricht einen menschlichen Augapfel, der anschließend von einer zweiten Dame gegessen wird. Ein Model vergnügt sich in der Pathologie sexuell mit einer Leiche. Es ist einfach zu rekonstruieren, bei welchen Szenen das recht bürgerliche Cannes-Publikum die Premiere von "The Neon Demon" empört verließ. Provo-Regisseur Nicolas Winding Refn kennt das noch von seiner Gewaltorgie "Only God Forgives" (2013), und alles andere als Buh-Rufe hätten den Dänen auch enttäuscht. Wie schon im Vorgänger vereint er - diesmal aus Sicht eines 16-jährigen Models in der Hölle der Mode-Branche - die Darstellung brachialer psychischer und körperlicher Zurichtung mit einer betörenden audiovisuellen Ästhetik. Abseits geschmackvoll inszenierter Nekrophilie kann Refn inhaltlich aber nichts Relevantes hinzufügen - geschweige denn, sich vom drögen männlichen Blick lösen.

Die Rückkehr in seine Traumstadt Los Angeles gestaltet Refn gewohnt bombastisch: In zugleich wahnhafter und klarer Bildsprache öffnet das dänische Enfant terrible Räume von verstörender Brillanz, erschafft eine schrille Ästhetik des Epischen. Der 45-Jährige, der seine Handschrift 2011 mit dem Meisterwerk "Drive" definierte, verleiht jeder einzelnen Szene den Hauch des Ewigen. Jede noch so kleine Handlung der Protagonisten, jede Kameraeinstellung, jeder Schnitt gerät zum bedeutungsschwangeren Moment. Orchestriert und zusammengehalten wird das visuelle Leckerbissenkabinett von Refns Markenzeichen: der unwahrscheinlich atmosphärischen, nuancierten, emotional fein pointierten Musikuntermalung.

Beeindruckend und mitreißend zeigt sich dieses fiebrige Kunstwerk allemal. Allein: Eine Handlung, ein Drehbuch benötigt es eigentlich nicht. Bei kaum einem Regisseur scheinen die Abfolge der Ereignisse, die Dialoge und Charaktere eine so geringe Rolle zu spielen, ja gar so beliebig und austauschbar zu sein.

In "The Neon Demon" tritt diese Refn'sche Eigenart bislang am offensichtlichsten zutage. Hauptfigur ist das 16-jährige Mädchen Jesse (bemerkenswert: Elle Fanning), das in der erbarmungslosen Mode-Branche der Stadt der Engel klarzukommen versucht. Schnell findet sich die - natürlich - süß und unschuldig wirkende Teenagerin nicht nur in ihrer abgefuckten Bleibe in einem ranzigen Hotel unter Leitung des schleimigen Hank (Keanu Reeves) wieder, sondern auch im Raubtierkäfig zwischen Models, Agenten und Fotografen, zwischen Partys, Exzessen und Bling-Bling.

Stylistin Ruby (Jena Malone) erkennt das Potenzial der Neueinsteigerin und hilft ihr beim Karrierestart. Alsbald hat Jesse in Jan (Christina Hendricks) auch eine angesagte Agentin am Start und wird schnell zum Darling der Szene - begehrt bei Schöpfern und Fotografen, beneidet von Konkurrentinnen. Doch der Strudel aus Oberflächlichkeiten und Dekadenz, Zwietracht und Missgunst, Anforderungen und Leistungsdruck zieht die wie ein Fremdkörper wirkende Jesse immer weiter Richtung Katastrophe. Eigentlich eine perfekte Vorlage. Schönheitswahn, Ausbeutung, Patriarchat, weibliche Selbstbilder und psychische Zerstörung: Die möglichen kritischen Annäherungen an das bisweilen grausame Geschäft sind vielfältig - und Refn durchaus bewusst.

Lust, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen, hat der bekennende Narzisst jedoch nicht. Wie schon in seinen Vorgänger-Werken dient ihm ein bestimmter thematischer Komplex als Anlass für eine Bild-und-Sound-Orgie, die sich fantastisch als Begleit-Kunst einer überdrehten Party oder als Nebenher einer provokanten Vernissage eignen würde. Die faszinierenden Hochglanz-Bilder einer Hochglanz-Welt, in der selbst die tiefsten menschlichen Abgründe noch blitzen und glänzen, versteht Refn bis zur Perfektion zu inszenieren. Und sicher: Selbst in jener genussvollen Zelebrierung der Form steckt bisweilen psychologische Erkenntnis, selbst im schön-grausamen Schein verbergen sich tiefere Wahrheiten.

Auch hebt sich das Spiel mit dem Äußeren wohltuend vom moralischen Arthouse-Brei ab: Seiner Maßgabe, sich vom übertrieben sozialkritischen und gewollt politischen europäischen Kunst-Kino zu distanzieren, folgt Refn auch in "The Neon Demon" mit jeder Pore. Umso ärgerlicher, dass er sich dabei trotz weiblicher Hauptfigur vom gewohnt drögen männlichen Blick nie löst: Allerorten dreht sich das als Horrorstück vermarktete Werk um toll präsentierte Frauenkörper, am liebsten - wie so oft in Film und Kunst - wahlweise als überhöhte Verehrung oder aber in Kombination mit Tieren, Ekel und Amoralitäten. Heilige oder Hure? Von diesem altbekannten Frauenbild entfernt sich Refn in keiner Sekunde. Sein Sujet ist ihm egal, Kritik ist ihm fremd, der in Beliebigkeit getränkte Schein alles. Dass "The Neon Demon" in einigen Momenten dennoch auf beinahe psychedelische Weise fasziniert, liegt weniger an Sex mit Leichen oder Augäpfeln als Zwischenmahlzeit, sondern vielmehr an der alten Weisheit, dass das Werk manchmal schlauer ist als sein Künstler.

Quelle: teleschau - der mediendienst