Bastille Day

Bastille Day





In der Paris-Falle

Michael Mason (Richard Madden) erfasst die Stärken und Schwächen der Menschen im Nu, um ihnen unbemerkt die Wertsachen zu entwenden. Gemütlich an einem Pariser Bistro-Tisch sitzend, studiert er seine nächsten Opfer. Zum Beispiel die völlig aufgelöst wirkende Zoe (Charlotte Le Bon), die sich auf die Stufen einer Treppe setzt, sich eine blonde Perücke abreißt und ins Handy schreit: Sie werde das nicht tun, sie werde das Ding in die Seine werfen! Das genügt Michael, um die Einkaufstasche neben Zoe, in dem sich "das Ding" befinden soll, zu stibitzen. Die Seelenruhe, mit der er damit durch die abendliche Metropole spaziert, raubt indes dem Zuschauer völlig den Nerv. Denn der Meisterdieb weiß nicht, dass er eine Höllenmaschine an sich genommen hat. Der Actionthriller "Bastille Day" brilliert im Spiel mit der unbekannten Gefahr und dreht dann auch noch gehörig am Tacho.

Michaels Diebeszug hat verheerende Folgen. Vier Menschen sterben bei einer Bombenexplosion auf dem Place Maurice Chevalier, und die französischen Behörden suchen ihn als Attentäter. Die CIA-Außenstelle in Paris möchte schneller sein und lässt ihren gestrauchelten, aber tüchtigen Agenten Sean Briar (Idris Elba) nach Michael fahnden. Doch buchstäblich ins Fadenkreuz nehmen den Protagonisten auch die Drahtzieher des Anschlags, für den Zoe als ahnungslose Helferin ausgesucht war. Scheinbar weiß niemand, dass ausgerechnet der Leiter einer Spezialheinheit der Polizei, Rafi (Thierry Godard), in die Planung des Attentats verwickelt ist.

Ganz Paris ist derweil in Aufruhr. Die Politik spricht von einem terroristischen Akt und steht wegen der Sicherung des anstehenden Nationalfeiertags zum Jahrestag der Erstürmung der Bastille am 14. Juli unter enormem Druck. Die Nationalisten beschuldigen Muslime der Tat, während linke Gruppierungen eine Verschwörung der Eliten wittern und zum Angriff auf den Staat blasen. In diesem aufgeheizten Klima hat CIA-Agent Briar alle Hände voll zu tun, um Michael in die Finger zu kriegen und sein Leben zu schützen. Michael wiederum versucht seine Unschuld zu beweisen. Gemeinsam suchen sie die untergetauchte Zoe. Doch deren Freunde sind auch nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht, die Verfolger der jungen Frau abzuhängen.

Selbstverständlich kommt "Bastille Day" zur Unzeit. Die Registraturnummer am Ende des Abspanns verrät, dass der Film schon einige Zeit auf Halde gelegen hat - wohl wegen der furchtbaren Anschläge im Januar und November letzten Jahres in der Seine-Metropole. Fiktion und Realität liegen auch jetzt noch zu nahe beieinander, das Terrorrisiko ist nun zur Fußball-EM sogar noch gestiegen. Doch es wäre schade gewesen, hätte man "Bastille Day" deswegen überhaupt nicht auf der Leinwand sehen können. Denn mit verblüffend sorgfältiger und raffinierter Bildsprache sowie überragendem Rhythmusgefühl ist Regisseur James Watkins ein Kleinod des Kinos gelungen.

Die diskreten Gesten des Taschendiebs und winzige bedeutungsvolle Regungen im Mienenspiel der Akteure fesseln genauso wie athletische Verfolgungsjagden und Zweikämpfe über den alten Blechdächern der Stadt. Als Drehbuchautor zusammen mit Andrew Balwin zeigt Watkins viel Sinn für das Geheimnisvolle auch des modernen Paris und große Sensibilität für die Machtverhältnisse der französischen Gesellschaft, in der seine amerikanischen Helden nur Mitspieler unter vielen sind. Weil Mason und Briar so angenehm frei von amerikanischem Überlegenheitspathos sind, dürfen diese Buddies gern zum Franchise werden.

Quelle: teleschau - der mediendienst