The Lobster

The Lobster





Singles leben gefährlich

Die Werke des Regisseurs Giorgos Lanthimos ("Dogtooth") fordern ihre Zuschauer heraus. Mit "The Lobster" inszenierte der Grieche eine groteske und radikale Liebesgeschichte, die man nicht vollständig verstehen muss, um dennoch fasziniert davon zu sein. Zu schräg, zu anstrengend fürs deutsche Kinopublikum? Nach dem DVD-Start im April fand sich doch noch ein Verleih, der den hochkarätig mit Colin Farrell, Rachel Weisz und Léa Seydoux besetzten und in Cannes 2015 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten Film jetzt auf Leinwand bringt.

Giorgos Lanthimos entwirft in einer nahen Zukunft ein Gesellschaftssystem, das Erwachsene dazu zwingt, als Paare zusammenzuleben - nur so werden sie in Frieden gelassen und können ein ruhiges Leben in der Stadt führen. Wer keinen Partner vorweisen kann, wird schließlich in ein Hotel eingewiesen, um dort eine letzte Chance zu erhalten. Äußerlich idyllisch und stilvoll erweist sich die Residenz an der Küste als Vorhölle für Singles.

Schlimmer kann es für die Einsamen nur noch werden, wenn sie es nicht schaffen, in einem Zeitraum von 45 Tagen einen Lebensgefährten zu finden, mit dem sie eine feste Beziehung eingehen. Wer versagt, dem steht die Verwandlung in ein Tier bevor. Welches, darf der oder die Betroffene beim Einchecken schon aussuchen. David (Colin Farrell), die Hauptfigur des Films, wählt den Hummer. Eine gute Wahl, wie ihm die Hoteldirektorin bestätigt, denn die Erde sei sowieso schon überbevölkert mit Hunden.

Wieso seine Welt so ist wie sie ist - mit solchen Erklärungen hält sich Lanthimos nicht auf. Er schubst den nichtsahnenden Zuschauer in seine genau durchdachte gesellschaftliche Realität. Mit größter Selbstverständlichkeit erzählt er davon, wie die verstörenden Tage hier ablaufen. Vom Servicepersonal bis hin zu den Singles benehmen sich alle ohne Aufmucken so, als sei nichts dabei, wenn einem die Hand auf den Rücken gebunden wird, um das Masturbieren im Zimmer zu verhindern und damit die Sehnsucht nach einem Partner zu steigern. Bei Verstößen kommt die Hand auch mal in den Toaster - zimperlich geht man hier nicht mit den Menschen um.

Detailverliebt füllt der Regisseur sein Universum mit vielen skurrilen Ritualen vom Tanztee, über Menschenjagd mit Betäubungspatronen bis hin zum Erektionstraining. Das Zusammenführen neuer Paare funktioniert über das Abgleichen hervorstechender Merkmale wie Sprachfehler oder ständiges Nasenbluten. Kommt eine Beziehung zustande, muss die Haltbarkeit dieser vor Ort bewiesen werden, bevor es zu einer Entlassung in die Gesellschaft kommt.

Die vor Angst emotional fast gelähmten Bewohner des Hotels stehen unter maximaler Anspannung und in Konkurrenz zueinander - die Schauspieler John C. Reilly und Ben Whishaw ergänzen Colin Farrells famosen Auftritt in einem Trio der Schicksalsgenossen. Das wirkliche Drama beginnt aber, als David die Partnersuche aufgibt und in den Wald zu den sogenannten "Loners" flüchtet.

Kein paradiesischer Ort, denn hier herrscht Überlebenskampf und ein anderes strenges Regiment, das jeglichen Kontakt und Gefühlsregung verbietet. Gelebt werden soll militantes Einzelgängertum. Wie das funktioniert, zeigt die Anführerin (Léa Seydoux). Für David besonders schlimm, da er genau an diesem Ort seine Seelenverwandte (Rachel Weisz) trifft. Doch Partnerschaften sind nicht erlaubt und werden brutal unterbunden.

Die Absurditäten der Partnersuche via Dating-Plattformen und überhaupt der Terror, den man angesichts von Liebe, Beziehungen und Familiengründungen empfinden kann, spitzt der Film zynisch zu. Viele Details dieser Welt wirken verstörend, wecken aber genau das Unbehagen, das der Regisseur intendiert hat. Gelungenes Arthaus-Kino, das an die Grenzen geht und in stylishen Bildern etwas Wichtiges zu sagen hat.

Quelle: teleschau - der mediendienst