Kill Billy

Kill Billy





Rentner-Revolte gegen die Tristesse

Für die Wiedergeburt ist es auf den ersten Blick nie zu spät. Nach der Insolvenz seines kleinen Möbelhauses und dem Tod seiner dementen Frau gießt der rüstige Greis Harold (Bjørn Sundquist) im leeren Verkaufsraum Möbelpolitur aus - auch über sich selbst. Er entzündet die Flüssigkeit und wartet darauf, dass die Flammen an ihm züngeln. Aber die Sprinkler-Anlage springt an und löscht das Feuer. Harold nimmt das als Zeichen, es nun mit dem Feind aufzunehmen, der ihn ruiniert hat: IKEA. In "Kill Billy", frei nach der gleichnamigen Regalreihe benannt, nimmt ein absurd spektakulärer Racheplan Formen an. Doch der ist dünner Firnis über einer furchtbaren Trostlosigkeit, die sogar den Regisseur und Autor Gunnar Vikene hilflos zu machen scheint.

Den IKEA-Gründer Ingvar Kamprad zu entführen, entspringt einem plötzlichen Elan des Norwegers Harold. Der Film leiht sich dafür die Stimmung eines Westerns, der sich um einen harten alten Mann dreht. Die lange Zeit traurig klingende Violine, mit der die Schicksalsschläge am Beginn grundiert werden, gerät zur aufgekratzten Leitstimme schwungvoller Country- und Western-Musik.

Folgerichtig findet Harold bei seinem Sohn Jan (Vidar Magnussen) im Keller einen Schießstand vor und erweist sich mit einer automatischen Pistole der Marke Colt als ausgezeichneter Schütze. Im Wohnzimmer sammelt er weitere Beweise dafür, dass IKEA ihn nicht nur mit Billigprodukten ruiniert, sondern der Menschheit Schrott andreht. Ach ja, die Menschheit: Die befindet sich in einem miserablen Zustand. Jan, ohne Job und bald von seiner Familie getrennt, ist ein deprimierendes Beispiel dafür.

Nicht viel besser dran ist auch Teenager Ebba (Fanny Ketter), die sich nach Harolds Aufbruch nach Schweden zu ihm ins Auto setzt und ihn dadurch daran hindert, einfach seinen Tod abzuwarten. Ebba leidet darunter, dass sie niemanden hat, der für sie da ist. Kurzerhand reklamiert die junge Frau Harold als "Bodyguard" für sich. Den Entführungsplan findet sie toll, ist aber enttäuscht von Harolds Amateurhaftigkeit. Durch einen Zufall bekommt der Kidnapping-Neuling aber Ingvar Kamprad (Björn Granath) dann doch in seine Gewalt. Viel anzufangen mit seinem Gefangenen weiß er aber nicht. Denn Kamprad ist höchst unbeeindruckt von seiner Situation. Er wittert bloß den PR-Knüller für sein Unternehmen.

Mehrmals packen Harold Tobsuchtsanfälle, bei denen er seinen Frust herausschreit. Tatsächlich erleben die Akteure von "Kill Billy" eine Auswegslosigkeit, die rasend macht. Nichts will dagegen helfen, dass das Leben immer schon vorbei ist, egal in welchem Alter. Selbst Kamprad lässt bei all seinem Business-Geschwätz und maßloser Selbstgerechtigkeit Anzeichen von Überdruss erkennen. Weder der Griff zur Waffe noch das Bewusstsein, dass er nichts zu verlieren hat, schaffen für Harold einen Neuanfang. Alle Anstrengungen scheinen im tief winterlichen Norwegen und Schweden unwiederbringlich zu versinken.

Die Revolte gegen die Trostlosigkeit, die Harold angezettelt hat, erweist sich als Trug. Das Verhängnis der Einsamkeit lastet schwer auf allen Beteiligten. Auch die bibbernde Nacktheit von Harold und Kamprad, nachdem sie ins Eis eingebrochen und von Ebba errettet worden sind, bringt die Protagonisten einander keineswegs näher. Derlei Kontaktarmut mag ja gnadenlos gut an der zeitgenössischen Gesellschaft beobachtet sein, erhält die erschütternde Fallhöhe aber nur durch das euphorisierende Westernelement. Ohne dessen Übertreibungsfaktor ist mit "Kill Billy" nicht viel anzufangen.

Quelle: teleschau - der mediendienst