7 Göttinnen

7 Göttinnen





Provokation mit Kali

Kali ist in der indischen Mythologie die Göttin des Todes und der Zerstörung, die Verkörperung des Zorns und zugleich die der Erneuerung. Sie streckt ihre Zunge trotzig dem Himmel entgegen, sie brüllt so schrecklich laut, dass das ganze Universum bebt. Sie stellt die dunkle Seite zwischen Himmel und Erde dar und zugleich ist sie eine der wenigen Göttinnen, die Wünsche zu erfüllen vermag. Der indische Film "7 Göttinnen" von Pan Nalin nimmt diese Gottheit als Leitmotiv: Kali soll es sein, die die Begegnung von sieben Freundinnen in Goa anführt. Denn Träume, die überall anecken, Unterdrückung, die daraus resultiert, und der Zorn, der sich schließlich festsetzt - darum geht es auch im Leben der "7 Göttinnen".

Anlässlich ihrer bevorstehenden Hochzeit versammelt die junge Fashion-Fotografin Freida (Sarah-Jane Dias) ihre engsten Freundinnen bei sich zu Hause in Goa. Nach und nach trudeln die jungen Frauen, verstreut lebend in ganz Indien, ein: Joanna (Amrit Maghera), die als aufstrebende Schauspielerin bereits in einigen Bollywood-Filmen zu sehen war, Suranjana (Sandhya Mridul), gnadenlose Geschäftsfrau und Mutter eines kleinen Mädchens, Musikerin Mad (Anushka Manchanda), Umweltaktivistin Nargis (Tannishtha Chatterjee), Topstudentin Pam (Pavleen Gujral) und Freidas Angestellte Laxmi (Rajshri Deshpande), die sich während der Zusammenkunft der jungen Frauen um das Wohl aller kümmert.

Während die sieben Inderinnen einige Tage das lebhafte Miteinander unter Freundinnen zelebrieren, Vorbereitungen zur bevorstehenden Hochzeit treffen und einander Geschichten aus dem Leben erzählen, zeigen sich ihre Träume und Wünsche in bunter, kraftvoller Weise. Diese stoßen jedoch, wie sich im Laufe des Geschehens herausstellt, immer wieder an die Grenzen der gesellschaftlichen Strukturen. Denn mit jedem aufkeimenden Wunsch einer jungen Inderin hin zu einem modernen, weltoffenen Leben offenbaren sich sogleich die Schattenseiten und Abgründe, die mit dem Bestreben nach Freiheit innerhalb des vorherrschenden Systems einhergehen.

Die fiktiven Lebenswelten im Film spiegeln auf überzeugende Weise die reale Lebenswirklichkeit junger Frauen in Indien wider. Mitunter trägt die schauspielerische Zusammensetzung der "7 Göttinnen" einen wesentlichen Teil zu dieser bewegenden Authentizität bei. Denn es handelt sich bei den Darstellerinnen um Gesichter aus der indischen Theater- und Filmszene, der Bollywood-Industrie, aber auch um Musikerinnen, Models und Moderatorinnen. Kein Zufall, denn tatsächlich gibt es in der indischen Filmwelt viele Stars, aber nur wenige großartige Schauspielerinnen. Doch gerade dadurch gelingt mit den "7 Göttinnen" ein so repräsentativer Querschnitt durch die Frauenwelt des Subkontinents, die hin und her taumelt zwischen Moderne und Tradition, zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlichen Werten.

Die erste Hälfte des Films verzaubert als ein bunter Buddy-Movie unter Frauen, der gute Laune macht, nach Revolution schreit und einem Schmetterling auf der Nasenspitze gleicht, dessen sanfter Flügelschlag die ganze Welt zu bewegen vermag. Die zweite Hälfte hingegen zeigt sich auf unvermittelte Weise als ein Drama, das durch Szenen von Gewalt und Härte sowie durch dunkle Aufnahmen in Amateurvideo-Ästhetik zutiefst verstört. Diese besondere, wenn auch im ersten Moment befremdliche Wendung in Dramaturgie und Ästhetik hat Pan Nalin ganz bewusst eingebaut. Sie steht sinnbildlich für das, was in seinen Augen Indien ausmacht - "ein kompliziertes Land mit sich ständig verändernden oder meistens total unvorhersehbaren Gegebenheiten", so der Regisseur über seine Heimat.

Der Film "7 Göttinnen" sprengt auf kraftvolle Weise Grenzen und verweigert sich damit kategorisch einer Einordnung; er ist Drama, Komödie und Thriller zugleich. Wer sich ein schnelles Bild über dieses in alle Richtungen schillernde Werk machen möchte, hört sich ein paar Mal den Titelsong des Films "Kattey" an - ein musikalischer Mix aus Folk und Rap. Oder er studiert die Gottheit Kali und versteht, warum in Indien mittlerweile jede Frau, die für ihr Anliegen aufsteht, nach dem Originaltitel des Films benannt wird: "Angry Indian Goddess".

Quelle: teleschau - der mediendienst