Demolition - Lieben und Leben

Demolition - Lieben und Leben





Vom Zerstören und Reparieren

Um etwas zu reparieren, muss man es zunächst in all seine Einzelteile zerlegen. So lautet der Rat von Davis' Schwiegervater Phil. Davis (Jake Gyllenhaal) lässt es zum Sinnbild seines Lebens werden. Und Regisseur Jean-Marc Vallée ("Dallas Buyers Club", "Der große Trip - Wild") macht es zum Sinnbild des abgedrehten Post-Beziehungsdramas "Demolition - Lieben und Leben". Der Film widmet sich auf unkonventionelle, aber eindrückliche Art und Weise der Gefühlswelt seines Protagonisten unmittelbar nach dem Tod der Ehefrau. Und das komplett ohne Kitsch.

Auf der Heimfahrt fragt Julia (Heather Lind) Davis aus. Ob er denn schon den Kühlschrank repariert habe, zum Beispiel. Er schweift mit seinen Gedanken ab. "Hörst du mir überhaupt zu?" Keine Minute später: ein heftiges Krachen, zwei rasche Schnitte. Julia überlebt den Unfall nicht und lässt Davis als Witwer zurück - und den Zuschauer wie nach einem Schwall kalten Wassers.

Davis' Gedanken waren wohl fast nie wirklich ganz bei Julia. Auf ihrer Beerdigung versucht er im Bad ein paar Tränen rauszuzwängen. Der erfolgreiche Wallstreet-Banker konzentriert sich aber bald auf das, was ihn wirklich bedrückt hatte am Todestag seiner Frau: Der Süßigkeiten-Automat auf der Intensivstation hat seine Packung M&Ms nicht herausgerückt. Er beginnt einen viel zu ausführlichen, ehrlichen, zynischen Beschwerdebrief an die Automatenfirma zu schreiben.

Drei Briefe später bekommt er mitten in der Nacht einen Anruf. Am anderen Ende der Leitung: Karen Moreno (Naomi Watts) vom Kundenservice des fehlerhaften Automaten. Sie sei fasziniert von der Unverblümtheit von Davis' Beschwerden. Sie wäre gerne auch so ehrlich. Langsam nähern sich die beiden einander an. Das Problem: Der Chef der Automatenfirma ist Karens Freund und ist über Davis' plötzliches Auftauchen eines Abends alles andere als erfreut.

Doch bei Karen beginnt Davis sich zu öffnen - ihr gegenüber, vor allem aber sich selbst gegenüber. Denn seine Gefühlskälte blieb auch dem Schwiegervater Phil (Chris Cooper) nicht verborgen. Der gab ihm aber immerhin noch den Rat mit dem Zerlegen von Dingen mit. Und so nimmt der Film an Fahrt auf, und nach ausführlicher Herleitung merkt der Zuschauer, in welche Richtung es hier gehen soll.

Davis zerlegt alles. Den leckenden Kühlschrank, die knarrende Toilettentür auf der Arbeit, seinen Computer. Er besticht sogar ein paar Arbeiter, um in einem Abrisshaus seiner Zerstörungswut freien Lauf zu lassen. Er stößt seine Mitarbeiter und vor allem die Schwiegereltern vor den Kopf. Mit Karens Sohn beginnt er, sein altes Haus zu demolieren. Natürlich alles ein Sinnbild: Er zerlegt sein altes Leben, um es aus den Trümmern neu zusammenzusetzen.

Mit Karens Hilfe klappt das zunächst auch wunderbar. Mehr noch mit der ihres Sohnes, zu dem Davis einen guten Draht hat. Der Filius beichtet ihm sogar, dass er auf Jungs steht, im Bewusstsein gestärkt geht er auf eine Gay-Party. "Es hat sich gut angefühlt, einfach ich selbst zu sein. Von der Tracht Prügel danach mal abgesehen." Ein Satz, der nachhallt.

Doch je weiter sich Davis von seinem alten Leben wegbewegen will, desto mehr scheint es ihn einzuholen. Plötzlich beginnt er, sich an all die kleinen Details zu erinnern, und neue zu entdecken. Hat er Julia womöglich doch geliebt, entgegen seines Statements zu Beginn des Filmes?

Der Zuschauer merkt von Anfang an: In diesem Film herrscht jede Menge Unordnung. Jedoch spiegeln Schnitt und Soundtrack gekonnt und eindringlich Davis' Stimmung wider. Von entspannt bis wütend, von melancholisch bis energetisch hoffnungsvoll. Man versucht, diesen verqueren Charakterkopf genauso zu verstehen, wie er sich selbst.

Gyllenhaal liefert eine erstklassige Vorstellung auf dem Niveau von "Nightcrawler" ab. Die Kamera hängt an ihm, fast jeder Schnitt gehört ihm. Er trägt den Film und weiß genauso ein Wechselbad der Gefühle darzustellen wie die arrogante "Leck mich"-Haltung. Selten hat man ein Drama um das Thema Liebe vorgesetzt bekommen, das mit weniger schmalzigen Klischees auskommt und doch so nahegeht. Und das erst in zweiter Instanz: Während des Abspanns muss der Zuschauer erst einmal seine eigenen Gedanken sortieren. Und das könnte nachwirken.

Quelle: teleschau - der mediendienst