Schau mich nicht so an

Schau mich nicht so an





Zwei Welten, Tausende Fragen

Die Tatsachen verschwimmen. Genauso wie die Rollenbilder. Um das bei "Schau mich nicht so an" zu realisieren, gar zu verdauen, dafür reichen die knapp 90 Minuten im Kinosaal nicht aus. Auch, weil es unterhaltsam ist, Uisenma Borchus Film einfach laufen zu lassen, zu beobachten, die deutlichen Figurenunterschiede aufzunehmen. Die sexuelle Spannung ist anziehend, die Kinderdarstellerin Anne-Marie Weisz bezaubernd. Dass Josef Bierbichler für den Studenten-Abschlussfilm zusagte, könnte schon Auszeichnung genug sein. Beim Filmfest München gab es jedoch den internationalen Kritikerpreis obendrauf.

Die Szenerie wechselt zwischen der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar und München. Hedi (Borchu) bewegt sich in beiden Welten wie selbstverständlich, im Fernen Osten mit der gebotenen Unterwürfigkeit vor der Großmutter in deren Nomadenzelt, in München als dominante, unnahbare Einzelgängerin. Sofia (Weisz) ist auch in beiden Welten vertreten. Scheinbar als Tochter von Hedi in der Mongolei - ebenfalls ohne zu fremdeln mit der asiatischen Steppen-Metropole und den Gepflogenheiten dort. Aber auch in München. Dort als Tochter der alleinerziehenden Iva (Catrina Stemmer). Die Zusammenhänge bleiben undurchsichtig.

Der Hauptteil des Films ist hier angesiedelt, in der bayerischen Landeshauptstadt, wo Iva und Hedi im selben Haus wohnen. Wo die aufgeweckte Sofia die volle Aufmerksamkeit ihrer Mutter beansprucht. Auch sie kommt als Erstes mit Hedi in Kontakt. Doch da Kontakte in diesem Alter "über die Eltern laufen", wie es Iva ausdrückt, entsteht eine gemeinsame Freundschaft. Dass Hedi dabei auch anderes im Sinn hat, wird fix klar und hat wohl auch mit ihrer unbedingten Dominanz zu tun. Sie bezirzt die dauergestresste Studentin.

Vor allem mit vorgesetzter Coolness, Patzigkeit und Überheblichkeit schafft die "Fremde" immer wieder Distanz. Sie ist gar fies, wenn sie Ivas Mutterqualitäten in Frage stellt, ihr Selbstmitleid anklagt. Hedi spielt ein Spiel. Das geht sogar so weit, dass die gebürtige Mongolin mit einwandfreiem Deutsch beim Eintreffen von Ivas Vater (Bierbichler) auch ihn verführt. Er kommt eigentlich, um das Verhältnis zu seiner Tochter zu kitten. Seine Liebelei steht dem natürlich im Wege. Unumgänglich, dass dies in einem Knall enden muss.

Die gezeigte Unnahbarkeit, die uneingeschränkte Individualität Hedis, davon sprach die Filmemacherin Uisenma Borchu auch beim Münchner Filmfest, ist eine Weise, in einem fremden Land klarzukommen, sich durchzuschlagen. Dass sich diese Maske nur schlecht lösen lässt, wird in "Schau mich nicht so an" deutlich. In der Mongolei, der vermeintlichen Heimat, zeigen sich bei ihr trotz wenig Handlung ganz andere Charakterzüge. Borchu, die in jungen Jahren mit ihren Eltern in die DDR übersiedelte und in München schließlich "Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik" studierte, packt viel in ihren abgeklärten Film. Und gewinnt.

Ihr Wandern zwischen zwei Welten ist nur ein Aspekt in dem bis auf Bierbichler ausschließlich von Laien dargebrachten Drama. Es geht ebenso um Weiblichkeit, Erwartungen an diese, das Ausbrechen aus Mustern. Um eine Beziehung, in der mehr genommen wird als gegeben. In der es Opfer und Täter gibt, ohne dies wie sonst so oft an Geschlechtern festzumachen. "Schau mich nicht so an" bleibt mit seiner Eindringlichkeit, mit seiner Langlebigkeit in den Köpfen der Zuseher. Die Laienhaftigkeit schluckt man gerne, sie fällt gar nicht weiter auf; technische "Mängel" wirken nur ehrlich.

Quelle: teleschau - der mediendienst