Vor ihren Augen

Vor ihren Augen





Das ewig Gestrige, das immer bleibt

Ein Bild: Picknick, Gemurmel, Gelächter, bunte Stimmung im Freien. Das nächste: Dunkelheit, eine junge Frau, die sich zu wehren versucht, Geschrei, Blut. Und dann: Der FBI-Ermittler Ray (Chiwetel Ejiofor) an seinem Schreibtisch, vor ihm der Monitor mit tausenden von Gefängnis-Insassen. Er betrachtet jeden einzelnen, sucht nach dem einen, der nicht nur ein Leben ausgelöscht, sondern auch das von drei weiteren zu Grunde gerichtet hat. "Vor ihren Augen" entwickelt sich auf Anhieb als vielschichtiger Mystery-Thriller, der zeitlich wie psychisch auf verschiedenen Ebenen verläuft.

Wir befinden uns im Jahr 2015. Nach einer scheinbar endlosen Recherche hat Ray endlich wieder eine Spur im Vergewaltigungsdelikt "Caroline Cobb". Er kehrt zurück nach Los Angeles. Dort hatte sich vor 13 Jahren kurz nach dem 11. September das Verbrechen abgespielt. Ray und Jess (Julia Roberts), seine damalige Kollegin und enge Freundin, wurden zum Tatort gerufen. In der Mülltonne eines Parkhauses finden sie das Opfer: Es ist Caroline, die Tochter von Jess. In diesem Moment wird der FBI-Agentin der Sinn des Lebens entzogen.

Auch Ray, der mit Caroline an jenem Tag zu einem Treffen in einer Bäckerei verabredet war, dieses jedoch kurzerhand absagte, verliert den Boden unter den Füßen. Bei der nun folgenden Aufklärung des Mordes unterstützt die beiden die Staatsanwältin Claire (Nicole Kidman), die von der ersten Begegnung an eine besondere Anziehungskraft zu Roy verspürt. Schuldgefühle, Rachegelüste und der Wunsch nach Gerechtigkeit überschatten von nun an das Leben der drei.

Der Fall wird nie gelöst. Obwohl der Mörder immer wieder zum Greifen nah war und sogar ein Geständnis abgelegt hatte. Doch er stand damals während einer Zeit, die von Terrorbekämpfung, Angst und Hysterie geprägt war, als Informant unter dem Schutz des Staates, weshalb die Ermittlungen erschwert und eine Festnahme immer wieder blockiert wurde. Die Jagd nach dem Mörder wird zur Besessenheit. Vergangenes erstickt die Gegenwart. Dabei geht es am Ende um mehr als nur einen ungeklärten Mord. Es geht um unabgeschlossene Kapitel, ungesagte Worte, unerfüllte Begierden und wohl auch das ein oder andere Geheimnis.

Die Dunkelheit im Hier und Jetzt wird durch Aufnahmen, denen das Licht entzogen wurde, geschaffen. Vereinzelt zeigen sich auch Bilder in Licht und Farbe. Das sind die einer längst vergangenen Zeit, in der Jess' Tochter noch lebte, und die wirken, als wären sie einer anderen Welt entsprungen. Der Film lässt eine subtile Stimmung spüren, die beklemmt, einnimmt, sich nicht zeigt und doch da ist. Eine weitere Dimension eröffnet sich - eine Handlung unter der Handlung, die das Verborgene vorantreibt.

Dies gelingt durch die Flashbacks innerhalb des Plots auf zwei Zeitebenen, die sich zum Teil relativ unbemerkt abspielen - ob wir uns im Jahr 2015 oder 2002 befinden, das ist aufgrund sanfter Schnitte manchmal nicht sofort erkennbar. Irritation stellt sich ein, Unsicherheit macht sich breit. Vor allem aber setzt die Leistung von Julia Roberts und Nicole Kidman den Grundstein für die sinnlich verstörende Stimmung. Beide schaffen es, den englischen Filmtitel "The Secret In Their Eyes" zum Titel ihres Schauspiels zu machen. Von der ersten bis zur letzten Minute spürt man mit jedem Blick in ihren Augen, dass irgendetwas nicht stimmt, dass es Geheimnisse gibt, von denen man nichts ahnt.

Besessenheit - das schien auch das Motiv von Billy Ray (Regie) und Mark Johnson (Produktion) gewesen zu sein, als sie beschlossen, diesen Film zu machen. Nach dem Erscheinen des argentinischen Thrillers "El Secreto De Sus Ojos" von Juan Campanella konnten die beiden nicht aufhören, über diese Geschichte nachzudenken - sie ließ sie nicht los. So entstand fünf Jahre später eine Adaption, die die "emotionale Seite des Originals respektiert und zugleich eine eigene amerikanische Art findet, die Geschichte zu erzählen", wie Campanella selbst findet. Tatsächlich zieht dieser Thriller den Zuschauer bis zum Ende in den Bann, er führt die abgründigen Seiten des Menschseins in stiller Weise vor und lässt jeden mit einem Gefühl von Unsicherheit und Verstörung zurück.

Quelle: teleschau - der mediendienst