Hannas schlafende Hunde

Hannas schlafende Hunde





Von Opfern und Tätern

Bei "Hannas schlafende Hunde" handelt es sich keineswegs um lediglich ein weiteres Drama, das sich um Nazis und Judenverfolgung kreist. Der Österreicher Andreas Gruber zeichnet vielmehr ein differenziertes und entlarvendes Sittenbild einer Nachkriegsgesellschaft, in der Täter und Opfer Tür an Tür wohnen. Hass und Angst bestimmen noch immer das Zusammenleben. Insofern ist diese deutsch-österreichische Koproduktion absolut sehenswert, weil sie nicht mit großem Tamtam moralisieren will, sondern sehr subtil hinterfragt, welchen Sinn es ergibt, auf ewig Opfer zu bleiben.

Ende der 60er-Jahre lebt Johanna, gerufen Hanna, (Nike Seitz) mit ihrer Familie im oberösterreichischen Wels. Ihre Mutter Katharina (Franziska Weisz) ist eine Frau mit vielen Ängsten; ihre größte Sorge ist die, aufzufallen. Also setzt die kleine Hanna alles daran, sich in der Gemeinde und der Schule so gut wie möglich zu integrieren. Doch so sehr sie es auch versucht, es gelingt ihr nicht. Denn das Mädchen ist anders als die anderen und hat ein Geheimnis: Sie ist Jüdin, also zur Hälfte. In dem noch von verkappten Nazis verseuchten Ort, ist das durchaus ein Problem, weshalb Hanna, so unschuldig sie auch ist, immer wieder vorgeführt und diffamiert wird.

Während ihre Mutter angesichts aller Anfeindungen schweigt und stillhält und selbst vor ihrem eigenen Mann Franz (Rainer Egger) noch Geheimnisse hegt, macht ihre blinde Großmutter Ruth (Hannelore Elsner) aus ihrer Herkunft kein Geheimnis. Und auch Hanna beginnt langsam, sich der eigenen Identität zu stellen, sie anzunehmen und keinesfalls zu leugnen. So macht sie am Ende genau das, was ihre traumatisierte, labile Mutter so verzweifelt verhindern will: Sie weckt die schlafenden Hunde ...

Regisseur Andreas Gruber, der selbst aus Wels stammt, hat aus dem gleichnamigen Roman von Elisabeth Escher das Drehbuch entwickelt. Sein Film ist ein komplexes Psychogramm einer Familie mit vielen Verletzungen. Und es ist die Geschichte dreier Frauen, die auf unterschiedliche Weise mit ihrem Schicksal und ihrer Vergangenheit umgehen. Neben einer resoluten Hannelore Elsner besticht die junge Hauptdarstellerin Nike Seitz, die bereits im Nazi-Drama "Elser - Er hätte die Welt verändert" sehr positiv auffiel. Der "Landarzt" Christian Wolff spielt in dem Film übrigens den netten Nachbarn von nebenan, hinter dessen feinem Grinsen aber tiefe Abgründe lauern. Endlich eine neue Facette, die Christian Wolff da ausspielen darf.

Franziska Weisz bleibt etwas blass, was ein Stück weit auch ihrer ängstlichen Rolle geschuldet ist. Was den Film angesichts aller Tristesse und der x-ten filmischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bemerkenswert macht, ist seine Vielschichtigkeit. Er funktioniert als feinfühlige Coming-of-Age Geschichte und stilles, in weiten Teilen aufwühlendes Familiendrama, das aber Hoffnung macht und ein Plädoyer dafür ist, aufzubegehren und für seine Werte einzustehen.

Quelle: teleschau - der mediendienst