Green Room

Green Room





Das Grauen nach dem Gig

"Nazi Punks fuck off!" covert die Punkrock-Band Ain't right grölend den berühmten Song der Dead Kennedys. Und damit bringen sich die vier hoffnungsvollen, wenngleich ziemlich abgebrannten jungen Leute in große Schwierigkeiten. Denn ihr Publikum ist am Kopf teilweise sehr glatt rasiert, trägt Springerstiefel und Bomberjacken, auf die pseudogermanische Runen gestickt sind. Ach ja, und hinter den Musikern hängen rassistische Parolen an der Wand. Die überwiegend männlichen Zuhörer glauben gar nicht, was sie da hören. Die aus der Not geborene Tollkühnheit der Band, für 350 Dollar vor Skinheads zu spielen, ohne die eigene Überzeugung zu verraten, gleicht einem Tanz auf der Rasierklinge. Wie der Film selbst auch. Das Spiel mit gefährlichen Ambivalenzen trägt den Survival-Thriller "Green Room" eine ganze Weile.

Ain't right kämpfen eigentlich von Anfang an ums Überleben. Es verändern sich sozusagen nur die Dimensionen. Pat (Anton Yelchin) ist am Steuer eingepennt und hat den schäbigen Tour-Van in ein Maisfeld gesetzt, während die anderen hinten fest schliefen. Bei laufendem Motor ist der Sprit verpufft. Da muss Pat mit Bassistin Sam (Alia Shawkat) erst mal auf dem nächstgelegenen Parkplatz Benzin abzapfen. Die Weiterfahrt hoch nach Oregon lohnt sich indes kaum. Tad (David W. Thompson) mit punkigem Hahnenkamm hat Ain't Right in sein Kaff geholt, kann ihnen aber nur einen entwürdigenden Auftritt in einem schlecht besuchten Diner bieten. Die Band hält sich dafür an Tads Einkäufen schadlos - und bekommt von ihm einen weiteren Gig  vermittelt.

Ain't right begeben sich für dieses Engagement zu einem Club tief in die Wälder. Viele Glatzköpfe laufen herum. Aber wo man gelandet ist, schwant dem Quartett erst, als sie die Konföderierten-Flagge in ihrer Kabine und das "White Power"-Emblem im Konzertsaal registrieren. Regisseur Jeremy Saulnier geht mit dieser Symbolik fast diskret um. Sein Spannungskalkül beruht zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Risiko statt auf hysterischem Effekt.

Saulnier, der auch das Drehbuch schrieb, kennt sich offenbar aus in der Grauzone, in der sich linksliberale Punkrocker und rechte Skins begegnen. Sehr authentisch kreiert er eine zum Zerreißen gespannte Atmosphäre, die er lange aufrecht erhalten kann. Leadsänger Tiger (Callum Turner) schreit gegen den Kloß im Hals an, Pat und Sam greifen in die Saiten, Drummer Reece (Joe Cole) fetzt los. Pat sieht ein hübsches Mädchen im Publikum. Ab dem zweiten Lied versinken die Skins in Headbang-Trance. Geht jetzt doch noch alles gut? Pat sieht das hübsche Mädchen wieder - und dann: Schock!

Die Ereignisse überstürzen sich. Ain't right finden sich plötzlich von einem Hünen mit der Pistole bedroht in ihrer Kabine wieder. Der Besitzer des Clubs, Darcy (Patrick Stewart), trifft wutschnaubend ein und will die Band eliminieren, weil die vier etwas gesehen haben, was sie nicht sehen sollten. Der Film ist dabei nicht mehr derselbe. Nicht "Captain Picard" und "X-Men"-Lehrer Patrick Stewart signalisiert das, sondern die mit der Band eingeschlossene Imogen Poots als Amber, deren animé-figurartige, blonde Perücke klarstellt: Jetzt steht ein Eastern-Gemetzel bevor. Weder der Einsatz von Kampfhunden noch von schwertartigen Schneidwerkzeugen oder Pumpguns kann da überraschen. "Green Room" geht barbarisch mit seiner Ambition um.

Quelle: teleschau - der mediendienst