Vor der Morgenröte - Stefan Zweig in Amerika

Vor der Morgenröte - Stefan Zweig in Amerika





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Ein Film wie ein gutes, anspruchsvolles Buch: Nicht alles, was seine Bewunderer schnell hineinzieht und vom ersten Augenkontakt an gefallen möchte, ist bekanntlich große Kunst. Maria Schraders zweite Regiearbeit "Vor der Morgenröte", die sich mit der Zeit des jüdischen Schriftstellers Stefan Zweig im Exil beschäftigt, beginnt spröde, macht es den Zuschauern nicht leicht und fordert sie von Beginn an, anstatt sie zu umschmeicheln. Fast wirkt es so, als ob man selbst ein wenig wie der höfliche, latent linkische Großschriftsteller (kongenial gespielt vom Kabarettisten und Schauspieler Josef Hader) etwas rastlos am Rande des Geschehens steht und erst einmal nur zusieht und zuhört. Schraders Film setzt das Verlorensein in fremden Sprachen und Kulturen hautnah, letztlich sehr beeindruckend um.

Das freundliche, breite, aber auch oft etwas verlegene Lächeln unter dem buschigen Schnauzbart steht Stefan Zweig fast ständig im Gesicht. Schon in der ersten langen Einstellung beobachtet man ihn, wie er an einem prächtig gedeckten Festbankett Willkommensgrüßen und einer emphatischen Rede lauscht. Ohne viel über die Vita des Exilanten zu wissen, ahnt man, dass sich Stefan Zweig mal wieder sehr verloren fühlt. Die Festreden, die eigentlich ihm gelten, werden auf brasilianischem Portugiesisch gehalten. Und selbst wenn Zweig vielseitig gebildet und in mehreren Sprachen versiert in einem typischen Wiener Großbürgerhaushalt aufwuchs, merkt man doch, dass ihn das Sprachbad - ähnlich wie weite Teile des Kinopublikums - überfordert.

Genau das ist von Maria Schrader, die nach "Liebesleben" (2007) erneut einen sehr stilisierten, präzise beobachtenden Schauspieler-Film vorlegt, so gewollt: Ihr Film, für das die "Aimée & Jaguar"-Darstellerin gemeinsam mit Jan Schomburg das Drehbuch geschrieben hat, zeichnet die Stationen der Flucht des Schriftstellers auf dem amerikanischen Kontinent nach. Die Unbehaustheit und das sehr existenzielle "Fremdeln" in ungewohnter Sprachumgebung gehören damit untrennbar zum Erlebnis dazu.

Der Pazifist und nicht ganz freiwillige "Weltbürger" Zweig, der während der Nazizeit neben Thomas Mann zu den bekanntesten Künstler-Exilanten aus dem deutschen Sprachraum zählte, fand zunächst in Rio de Janeiro, dann in Buenos Aires, in Bahia und später in New York Aufnahme. Trotz seiner schriftstellerischen Erfolge überschatten zunehmend Geldsorgen, familiäre Spannungen, aber vor allem die immer endgültigere Gewissheit, dass die Rückkehr in den vertrauten Kulturraum des alten Europas abgeschnitten ist, sein unruhiges Weiterziehen. Im brasilianischen Pétropolis finden Zweig und seine kleine Familie einen friedlichen Ort, an dem er weiter arbeiten möchte. Hier verfasste er seine berühmte "Schachnovelle". Doch heimisch wurde er auch dort nie.

Nicht wirklich verwunderlich, dass der von starkem Stilwillen und einer ruhigen, teilweise aufreizend beklemmenden, weil kammerspielartigen Bildsprache geprägte Film ein aufgeschlossenes, bestenfalls sehr literatur- und sprachinteressiertes Publikum voraussetzt. Der Mut wird allerdings mit einem nicht ganz alltäglichen Kino-Erlebnis und beeindruckenden Darstellerleistungen belohnt. Allen voran überzeugt Josef Hader, im Kino vor allem in den kauzigen "Brenner"-Krimi-Verfilmungen nach Wolf Haas bekannt geworden, in einer ungewohnt ernsten, gravitätischen Rolle. Die steht dem melancholischen Wiener, der sich bestens auf Leises und feine Zwischentöne versteht, ausgezeichnet zu Gesicht.

Quelle: teleschau - der mediendienst