Der Moment der Wahrheit

Der Moment der Wahrheit





Trockenes Recherche-Brett

Von "Citizen Kane" über "Die Unbestechlichen" bis zum diesjährigen Oscar-Gewinner "Spotlight" hat das US-Kino eine lange Tradition mit Filmen zu bieten, die Journalisten bei der Arbeit zusehen. Dass dieses Genre in Amerika ein ganz anderes Standing hat als hierzulande - wo mit "Der Fall Barschel" zuletzt immerhin mal das Fernsehen einen aufregenden Beitrag lieferte -, hat mit den Besonderheiten des amerikanischen Freiheitsbegriffes zu tun. Eine in den USA als "Rathergate-Affäre" bekannte Geschichte aus dem Präsidentschaftswahlkampf zwischen Bush und Kerry 2004 bildet die Grundlage einer klugen und für den Zuschauer durchaus anspruchsvollen Meditation über journalistische Ethik und Wahrheit.

Cate Blanchett und Robert Redford spielen jene Protagonisten, die damals im Zentrum eines Medienskandals standen. Der ist so trocken und komplex, dass er sich auf den ersten Blick nicht unbedingt zum klassischen Journalisten-Thriller eignet: Mary Mapes (Blanchet) wird als TV-Journalistin des traditionsreichen CBS-Polit-Magazins "60 Minutes" überaus respektiert. Ihrem väterlichen Freund, Anchorman Dan Rather (Redford), fühlt sie sich tief verbunden.

Die Journalistin bekommt Wind von Dokumenten, die zu belegen scheinen, dass sich der amtierende Präsident George W. Bush Anfang der 70-er mit Hilfe seiner einflussreichen Familie vor dem Dienst in Vietnam drückte. Offenbar erschien er ab Mai 1972 ein Jahr lang gar nicht mehr zum auf seiner Inlands-Basis, was jedoch durch Vorgesetzte und andere einflussreiche "Entscheider" von damals gedeckt wurde.

Als sich die Beweise für den dreisten Freibrief Bushs verdichten, bereiten Mary und ihr Team (unter anderem: Dennis Quaid, Elisabeth Moss aus "Mad Men" und Topher Grace aus "American Ultra") unter großem Zeitdruck einen Filmbeitrag vor. Etwa in der Mitte von "Der Moment der Wahrheit" hat Regiedebütant James Vanderbilt, der die Bücher zu Filmen wie "The Amazing Spider Man" oder "White House Down" schrieb, jenen Film im Film platziert. Man sieht, wie überall in Amerika Menschen das Ergebnis Marys investigativer Recherche verfolgen.

In einem simpler gestrickten Hollywood-Streifen wäre dies wohl auch das Ende der Veranstaltung. Bei Vanderbilt jedoch nimmt das Geschehen erst jetzt richtig Fahrt auf. Marys Beweise gegen Bush werden zerpflückt - von konservativen Kreisen, von konkurrierenden Medien, aber auch von Seiten des eigenen Senders CBS. Bis heute gibt es aber auch sehr gute Argumente dafür, dass alles, was damals recherchiert wurde, so stimmte.

Die "Rathergate"-Affäre gilt als erste Politaffäre der US, in dem seriöser Journalismus unter den Druck des Internets geriet - wo Bush-Unterstützer gegen Mary Mapes mobil machten. "Es gab Zeiten in unserem Land", sagt James Vanderbilt, "da war es nicht schlimm, wenn man anderer Meinung war als andere. Inzwischen herrscht Empörung über jeden Standpunkt, der vom Durchschnitt abweicht." Das Beste an seinem Film sei, sagt der 1975 geborene Filmemacher, dass er den Journalismus zeige, wie er noch vor einer Dekade war - bevor das Internet als Machtinstrument alles änderte.

Auch wenn - oder vielleicht auch weil - man als Zuschauer ziemlich detailliert Mäuschen bei einer großen politischen Recherche spielen darf, kommt die durchaus faszinierende Geschichte mitunter etwas spröde daher. Dass die Figurentiefe dabei ein wenig auf der Strecke bleibt, ist eine leichte Schwäche des Films. Vanderbilt legt mehr Wert auf die Darstellung komplexer Abläufe, journalistischer Recherchen und Entscheidungen im Medienbetrieb - was die 126 Minuten gerade für an Medienthemen weniger Interessierte etwas trocken machen könnte. Ein Oscar-Erfolg scheint aus diesem Grunde nicht allzu wahrscheinlich. Aufgrund der übrigen Klasse des Films sowie der Wertschätzung der Amerikaner für den Wahrheits-Begriff ist er jedoch nicht unmöglich.

Quelle: teleschau - der mediendienst