Money Monster

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Männer, die's vorm Scheitern ängstigt

Ein Jodie-Foster-Film, in dem man Jodie Foster nicht zu Gesicht bekommt - das klingt zunächst wie schokogeschmacksfreies Schokoeis. Doch so entzückend es für Freunde der Schauspielkunst sein mag, die zweifache Oscar-Gewinnerin vor der Kamera brillieren zu sehen - auch als Regisseurin dringt die 53-Jährige inzwischen in meisterliche Sphären vor. Eindrücklich beweist das ihre vierte Regie-Arbeit "Money Monster": Fast zehn Jahre nach Beginn der Finanzkrise nähert sich der mit Julia Roberts und George Clooney starbesetzte Geiselnahme-Thriller den Opfern des ökonomischen Crashs. Furios inszeniert, awardverdächtig gespielt und voll subtiler Ironie porträtiert Foster die Hilflosigkeit angesichts einer rigiden Geldwirtschaft, die männliche Angst vor dem Scheitern und die Funktionsweise des rücksichtslosen Medienbetriebs. Als wäre das nicht genug, gibt's obendrauf noch einen kostümiert tanzenden George Clooney samt goldenem Zylinder.

Bislang, so hat man den Eindruck, widmeten sich Hollywoods filmische Aufarbeitungen der globalen Finanzkrise seit 2007 jenen, die das folgenschwere Chaos zu verantworten hatten: Von "Wolf of Wall Street" bis "The Big Short" schien die Filmemacher vor allem die Welt der Banker und Lenker zu interessieren. Inzwischen scheint der Trend in die andere Richtung zu weisen: Nach Tom Tykwers Romanadaption "Ein Hologramm für den König" blickt mit "Money Monster" nun eine zweite Großproduktion mit renommiertem Personal auf diejenigen, die im Zuge des ökonomischen GAUs alles verloren.

Andererseits: Ohne die Profiteure und Steigbügelhalter des Finanzwahnsinns geht auch in Jodie Fosters atemlosem Werk natürlich erst mal nichts: Im Zentrum steht zunächst der ungezügelte Börsen-Guru Lee Gates, der in seiner trashigen TV-Show vor glitzernd-pulsierender Boulevard-Kulisse die Zuschauer mit Anlagetipps bewirft. George Clooney scheint für den Part des schrillen Lebemanns geradezu gemacht: Wie er mit leichtbekleideten Damen im goldglänzenden Anzug samt Zylinder HipHop-tanzend die Börse erklärt, verleitet zum Gedanken, Foster habe eine wundervolle Parodie gedreht. Allein: Zu realisieren, dass der Medien- und Unterhaltungsbetrieb exakt so funktioniert, gehört zu den flaugefühligen Genialitäten, die das Werk durchziehen.

Dazu gehört auch, dass Foster genüsslich die Vermutung ausformuliert, hinter wohl jedem kindischen Erfolgs-Mann mit narzisstischer Ader stehe eine Frau, die dessen Unsinn ausbügelt: Julia Roberts gibt die selbstbewusste Show-Regisseurin Patty Fenn, die den unberechenbaren Herrn nicht nur immer wieder auf den Weg des Skripts zurückleiten muss, sondern sich plötzlich noch einem weiteren männlichen potenziellen Vulkan ausgesetzt sieht: Mitten in der Live-Sendung stürmt ein junger Mann mit Waffe das Studio, bedroht Lee und nimmt den Moderator als Geisel.

Was nun folgt, ist ein spannungsreiches Kammerspiel von berauschender Intensität: Kyle (Jack O'Connell), so der Name des Geiselnehmers, bindet Lee eine Bombenweste um, die er zu zünden droht, sollte die Live-Übertragung abgebrochen werden. Das ganze Land und bald alle Welt verfolgt nun, was der panisch wirkende junge Täter verlangt: eine Erklärung dafür, warum er sein ganzes Geld verloren hat. 60.000 Dollar investierte er, nachdem Lee in seiner Sendung die Aktien eines aufstrebenden Konzerns als angeblich völlig sicheren Anlagetipp präsentierte. Nur: Nach einem Computerfehler, heißt es von Unternehmensseite, seien die schönen Millionen und damit das Geld der hoffnungsvollen Anleger nun futsch.

Nicht nur der daraufhin durchgedrehte Kyle ist also gescheitert, auch der sonst so vorhersagensichere Lee hat versagt. Die mit unabsehbaren Folgen verbundene männliche Angst vor dem Scheitern stellt sich als herausragend umkreistes Meta-Thema von "Money Monster" heraus. Während draußen die Polizei eine Stürmung des Studios plant, werden innen - bisweilen amüsant, bisweilen bedrohlich - die Versäumnisse von Männern der Finanzwelt, Männern der Medien und den so genannten kleinen Männern verhandelt. Grandios, dass dabei mit Roberts' Charakter einmal eine Frau die Rolle der sonst in Hollywood männlich konotierten, ruhig besonnenen Verantwortlichen übernimmt, die eine Panik unter den hühnerhaften Kerlen vermeiden will.

Doch gelingt es Foster in ihrer vierten und bislang ambitioniertesten Spielfilm-Regiearbeit nach "Das Wunderkind Tate" (1991), "Familienfest und andere Schwierigkeiten" (1995) und "Der Biber" (2011) nicht nur, stereotypenfrei Gender-Klischees zu umgehen. Auch schafft es die Kalifornierin, die zuletzt 2013 in "Elysium" selbst zu sehen war, Empathie für das Opfer der undurchsichtigen Finanz-Eskapaden hervorzurufen. Trotz seiner lebensbedrohlichen kriminellen Aktion fühlt man mit dem verzweifelten Kyle. Auch Moderator Lee versucht den Geiselnehmer, zunächst mit Blick auf das eigene Leben, davon zu überzeugen, sich auf die Suche nach den wahren Schuldigen zu begeben: Konzern-CEO Walt Camby (Dominic West) und dessen Bagage.

Hochspannend und atemlos inszeniert vermittelt die Handlung in ihrer kammerspielartigen Eingeengtheit die knisternde Ambivalenz zwischen charakterlicher Nähe und entrückter Distanz sensationsheischender Medien-Produktionen. Die gelegentlichen Anflüge vereinfachender Moralisierung verzeiht man Jodie Foster dabei ebenso wie die Tatsache, dass sie selbst nicht auftritt. Mit "Money Monster" gelingt der anspruchsvollen Regisseurin endgültig auch der Sprung in die (noch immer völlig männerdominierte) oberste Riege der Filmemacher.

Quelle: teleschau - der mediendienst