Der Nachtmahr

Der Nachtmahr





Sie ist kein Psycho!

"Isochronische Töne" und "binaurale Frequenzen" enthalte "Der Nachtmahr". Dies besagt eine Warnung, bevor das erste Bild zu sehen ist. "Wie auch immer ... dieser Film sollte laut abgespielt werden!" - Doch so viel sei gesagt: Achim "Akiz" Bornhaks Debüt-Langfilm funktioniert nur bedingt als Techno-Rausch, als Trip zwischen Euphorie und Epilepsie. Er taugt ganz bestimmt nicht als neuer Lieblingsanheizer jugendlicher Genussspechte, bei denen vor dem nächsten Rave noch irgendwas Antreibendes auf dem Bildschirm flimmern muss. Zu spannend, zu wirr, zu aufgeladen ist der Film, in dem die Realitäten verschwimmen.

Im Mittelpunkt steht Tina (Carolyn Genzkow), ein beliebtes junges Berliner Hip-Mädchen, dass sich durch die angesagtesten Klubs tanzt. Der es aber nicht gelingen mag, Sorgen, Ängste und Zweifel im Hedonismus zu ertränken. Abstruse, aber plastische Träume suchen die Schülerin heim. Ihr Therapeut (Alexander Scheer) spricht in seiner Unterkühltheit die falsche Sprache, empfiehlt letztendlich nur, "die Dosis von einer auf eineinhalb Tabletten" zu erhöhen. Ihre Eltern sehen in ihrer Tochter nur das seelische Wrack, das sie auch nach außen mit geschwollenen Augen immer öfter gibt; sie stehen nicht hinter ihr. Und da wären noch diese Geräusche - auf der Party und immer wieder zu Hause.

Es dauert gar nicht lange, bis der Zuschauer das "Viech" zu sehen bekommt, das dahinter steckt. Vor dem Kühlschrank gekrümmt macht sich der Nachtmahr über das Essen her. Dieser gebückte, gräuliche Gnom mit fast geschlossenen Augen, den Akiz über zehn Jahre hinweg entwickelte, erst zeichnete, Tonfiguren erstellte und den er schließlich im Film als hydraulisch und mechanisch bewegliche Puppe unfassbar "echt" in Szene setzt. Nicht mit bloßen Schockmomenten, die man am Anfang vielleicht noch erwartet, sondern mit einer ewig andauernden Ungewissheit plagt der Filmemacher seine Zuschauer: Was stellt das Ding dar? Was hat es vor? Und spukt es nur in Tinas Kopf herum?

Es besteht, so viel wird schnell klar, eine körperliche Verbindung zwischen Tina und dem Monster. Stopft es Eier in sich hinein, bekommt sie den Ausschlag, der ihr dafür blühen würde. In einer furchtbar beklemmenden Szene spielt der Nachtmahr mit einem Rasierer an seiner Zunge herum - Tina erwacht im Nebenzimmer mit Schnittwunde im Mund. Ihre Mutter (Julika Jenkins) fühlt sich bei der Darlegung der "Fakten" belogen. An der Ansage "Mama, ich bin kein Psycho!" haben sie, ihr Mann und ihre engsten Freunde gehörige Zweifel. Der Psychiater will ihr weismachen, dass sie sich das Ding nur vorstelle.

"Der Nachtmahr" ist von Sekunde eins an ein Nervenspiel, der Sound stockt immer wieder, verliert sich im Rauschen. Die Bilder zucken, und der Nachtmahr schleicht sich lange ins Gedächtnis ein. Vor allem aber geht der Film einfühlsam mit den Problemen Heranwachsender um, er thematisiert subtil körperliche Fehlwahrnehmung sowie Essstörungen und findet die richtige Sprache dafür: Selten wurden Dialoge und jugendlicher Umgang unpeinlicher dargestellt als hier. Und die Analogie zwischen Nachtmahr und "Realität", die Triebkraft des Filmes, wird im Verlauf immer deutlicher: Der Heimsuchende steht für den Rucksack, den Tina mit sich herumträgt, in dem alles Hässliche steckt - Sorgen, Ängste, Zweifel. Das Mädchen muss ihn nur noch aufsetzen. Das hilft mehr als jede Therapiesitzung und jede Tablette.

Quelle: teleschau - der mediendienst