Sing Street

Sing Street





Rock'n'Roll und rote Bäckchen

Die 80er-Jahre in Irland sehen wie die 60-er hierzulande aus. Kein Wunder. Irland ist seinerzeit wie so lange in der Geschichte das Armenhaus Westeuropas. Doch es gibt da eine Welle, die auch vor den rauen Küsten der Grünen Insel nicht haltmacht, die dem Leben zwischen erdfarbenen Blümchentapeten und gebleichten Hochsteckfrisuren ein paar Farbtupfer verleiht: New Wave. Wenn die Talking Heads und Blondie bei "Top Of The Pops" auftreten, hält es die Jugend nicht mehr bei den Hausaufgaben. Conor (Ferdia Walsh-Peelo) etwa. Logischer Schluss: Er gründet eine Band, "Sing Street" heißt sie. Genauso wie John Carneys ("Can A Song Save Your Life?", 2013) neuer, abermals voller Liebe zur Musik strotzender Film.

Doch es ist nicht nur das, was "Sing Street" so unbedingt liebenswürdig macht. Der Film ist einfach gestrickt, verlässt nie so richtig seinen märchenhaften Hauptstrang. Kostüm und Kulisse zaubern immer wieder aufs Neue ein Lächeln ins Gesicht und zeugen von großem Einfühlungsvermögen und Wissen um die porträtierte Periode. Und an den roten Bäckchen von Walsh-Peelo kann man sich kaum sattsehen. Diese kommen vor allem zum Vorschein, wenn Raphina (Lucy Boynton) immer wieder ihre Aufwartung macht und mit ihren großen, schönen Augen klimpert. Conor ist verknallt bis über beide Ohren.

Das Filmplakat verrät bereits die Grundidee "Sing Streets": "Boy meets girl, girl unimpressed, boy starts band." - So einfach ist das, und so traumhaft passt diese simple Story in die 80er-Jahre. Schließlich war in diesem Jahrzehnt der Drang, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen und am besten damit gegen den Strich zu bürsten, noch viel größer, als er es heute ist. Und was blieb einem im Irland dieser Zeit auch anderes übrig? Wer konnte, floh nach London. Zu Tausenden taten dies die Iren damals. Doch Conor ist erst 15. Da bleibt nur die Flucht in die Musik, das Wärmen an ihrer Melancholie und vor allem das Identitätsstiftende ihrer Stars.

Das hat Conor auch dringend nötig, liegt doch zu Hause einiges im Argen: Seine Eltern haben nicht nur Ehe-, sondern auch Geldprobleme. Er muss die Schule wechseln. Runter von der schicken Privatschule, hin zur proletarischen Pfaffen-Penne. Alleine schon wegen seines braunen Schuhwerks trifft er dort auf den Unmut des Schulleiters Bruder Baxter (Don Wycherley). Auch die rauen Sitten auf dem Schulhof ist Conor nicht gewohnt. Doch seine äußerst miese Stimmung löst sich vollkommen in Luft auf, als er auf der anderen Straßenseite Raphina das erste Mal erblickt und ihr von seiner angeblich bald durchstartenden Band erzählt.

Sie sei Model, erklärt das fast über die volle Spielfilmlänge undurchsichtig bleibende Mädchen. Optimal für das kommende Musikvideo seiner Truppe, kontert Conor. Das schindet Eindruck. Schnell hat er eine Band zusammen - allesamt zum Knutschen. Eine Gruppe, die sich ebenso wandelbar zeigt wie das Treiben an der Chartsspitze: Zu Ehren von Duran Duran greift man zu langen Trenchcoats und bunten Westen. Sind The Cure gerade der letzte Schrei, erscheinen die Jungs vollkommen in Schwarz und blassgeschminkt. Wie der rabiate Klosterbruder Baxter darauf reagiert, kann man sich ausmalen.

Doch die Liebe zur Musik und natürlich zu Raphina halten Conor im Spiel. Mit der Band proben und Musikvideos drehen, im Schuppen rauchen, sich vom großen Bruder Brendan (Jack Reynor) die Welt erklären lassen: Man schaut dem Jungen einfach gerne beim Teenagersein zu. Rückschläge bleiben natürlich nicht aus. Conor verwindet sie in seinen Texten und mit seinem Auftreten. Zu jeder Zeit ist klar, dass es ein Happy End geben wird. John Carney kann und will gar nicht verhindern, dass sich "Sing Street" im großen Kitsch suhlt. Doch dann: Der unvermeidliche große Auftritt am Ende droht im Playback und College-Film-Schick alles zuvor Gesehene zunichte zu machen. Die falsche Art Schmalz haftet daran. Doch Carney kriegt die Kurfe, das Herz geht auf, die Hoffnung lebt und Conors Bäckchen leuchten.

Quelle: teleschau - der mediendienst