Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln





Zeit ohne Wunder

Ein Leben ohne Wunder - für Alice (Mia Wasikowska) wäre das ein sicheres Todesurteil. Sechs Jahre nach ihrem letzten Ausflug, damals unter der Regie von Tim Burton, kehrt die in der realen viktorianischen Welt zur Kapitänin aufgestiegene junge Frau also zurück ins Wunderland: Ihr bester Freund, der verrückte Hutmacher (Johnny Depp), leidet an schweren Depressionen, die sich nur durch eine gewagte Zeitreise kurieren lassen. Burton zog sich bei der Fortsetzung "Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln" als Produzent ins zweite Glied zurück, den Takt gibt Regisseur James Bobin vor: Der Engländer, der seine Karriere mit "Da Ali G Show" begann und zuletzt die beiden "Muppets"-Filme inszenierte, trimmt das Sequel auf familienkompatibles Unterhaltungsniveau im Disney-Stil.

Wie "Alice im Wunderland" ist auch die Fortsetzung ein opulenter 3D-Mix aus Real- und Animationsfilm. Mehr noch als dem Vorgänger fehlt ihr allerdings die gewisse Portion Wahnsinn, die in den berühmten Büchern von Lewis Carroll steckt. Das größte Problem des Fantasyfilms ist jedoch, dass ein tragfähiges Storygerüst fehlt. Tim Burton, der im ersten Teil Regie führte, war mit den meisten Elementen aus den Buchvorlagen ziemlich verschwenderisch umgegangen. Für "Hinter den Spiegeln" blieb nicht allzu viel übrig.

Was dem Drehbuch von Disneys Hausautorin Linda Woolverton an Handlung fehlt, versucht James Bobin durch Spektakel wettzumachen. Gleich zu Beginn gibt es eine atemberaubende Verfolgungsjagd auf stürmischer See zu bestaunen: Alice flüchtet mit ihrem Expeditionsschiff im chinesischen Meer vor Piraten und entkommt nur dank eines sehr gewagten Manövers. Einen Schnitt später ist die Kapitänin zurück im London des Jahres 1875 und ziemlich konsterniert. Denn im viktorianischen England gilt Emanzipation als Krankheit.

Ach, wäre die Zeit schon reif für Frauen wie sie. Aber sie ist eine Diebin und eine Schurkin, wie Alice feststellt. Ihr bleibt nur die Flucht durch den Spiegel: Allerdings ist das Wunderland auch kein Paradies, obwohl Alice doch bei ihrem letzten Ausflug die böse rote Königin (Helena Bonham Carter) besiegen konnte. Seitdem leidet Alices alter Freund, der verrückte Hutmacher, unter Depressionen: Er glaubt als Einziger fest daran, dass seine Familie gar nicht so tot ist, wie alle behaupten. Um den Hutmacher zu retten, muss Alice durch die Zeit reisen: Das Problem: Die Zeit (Sacha Baron Cohen) hält davon nicht viel.

Trotzdem nimmt Alice in einer ziemlich hektischen und hanebüchenen Rahmenhandlung die Rettungsmission an und eilt fortan über den Ozean der Zeit immer weiter in die Vergangenheit. Verfolgt von der Zeit selbst und der roten Königin, die ein Unrecht ungeschehen machen will, gewinnt Alice in einer schnell ermüdend wirkenden CGI-Orgie eine Menge Erkenntnisse. Zum Beispiel, dass es gut ist, an seine eigenen Stärken zu glauben. Oder dass man aus der Vergangenheit lernen kann, aber die Zeit nicht so wichtig nehmen darf.

Denn Zeit ist mitnichten ein Dieb und Schurke, sondern ein Freund und Geschenk, wird Alice nach knapp zwei Stunden gelernt haben. Dem Zuschauer fällt das allerdings schwer zu glauben angesichts einer ziemlich lieblosen Märchensause. Weil die sich an ihrer Künstlichkeit ergötzt und dabei vergisst, die knallbunten Kulissen mit Leben und Fantasie zu füllen. Oder mit dem einen oder anderen Wunder - wofür offenbar die Zeit fehlte.

Quelle: teleschau - der mediendienst