Die Goldene für einen Oldie

Die Goldene für einen Oldie





Ken Loach triumphiert in Cannes - und warnt vor dem Neoliberalismus

Cannes 2016 ist Geschichte. Die Krönung eines Wettbewerbs war die Goldene Palme für Ken Loach. "I, Daniel Blake" erhielt die Auszeichnung als bester Film der diesjährigen Internationalen Filmfestspiele. Verdient? Auf jeden Fall, aber dennoch überraschend in einem sehr vielfältigen Wettbewerb, in dem er als typischer "Loach" nicht unter den Favoriten gehandelt wurde. Der von der Kritik gefeierte und vom Publikum beklatschte deutsche Beitrag "Toni Erdmann" wurde von der Jury nicht bedacht. Für Maren Ade und ihr großartiges Werk blieb es beim FIPRESCI-Preis, einer Auszeichnung der internationalen Presse, die schon am Abend vor der Palmenverleihung vergeben wurde.

Der engagierte Sozialfilmer Ken Loach nutzte die Preisverleihung am Sonntagabend zu einem Appell, sich gegen den immer mehr auf dem Vormarsch befindenden Neoliberalismus zu wehren, um eine Katastrophe zu verhindern. Der Film des 79-Jährigen, mit dem er seine zweite Palme nach "The Wind That Shakes The Barley" 2006 gewann, zeigt den kafkaesken Kampf seines Titelhelden in einem Sozialsystem, das Zahlungen an Berechtigte eher zu verhindern als zu ermöglichen versucht. Der Mensch wird zur Aktennummer. Daniel Blake (Dave Johns) versucht sich in diesem bewegenden, zu Tränen rührenden politischen Drama zu behaupten und seine Würde nicht zu verlieren.

Ganz genau hingeschaut haben die Jurymitglieder unter der Leitung von George Miller beim Weltkino. Ausgezeichnet wurden Shahab Hosseini, Hauptdarsteller aus dem iranischen Wettbewerbsfilm "The Salesman" von Asghar Farhadi sowie Jaclyn Joses, Hauptdarstellerin des philippinischen Films "Ma' Rosa" von Brillante Mendoza. So mancher hatte schon Isabelle Huppert als beste Schauspielerin ihre Dankesrede schwingen sehen, denn sie begeisterte am Ende des Festivals in Paul Verhoevens überraschend packendem und irritierend witzigem Thriller "Elle" das Publikum mit einer extremen Rolle.

Man suche nach großen Emotionen, ließ die Jury am Anfang des Festivals verlautbaren. Diese waren nicht zu übersehen bei Xavier Dolans umstrittenen Beitrag "It's Only The End Of The World", der den "Großen Preis" gewann. Sichtlich berührt auf der Bühne mit zitternden Lippen dankte er der Jury dafür, die Gefühle, die er hervorrufen wollte, gespürt zu haben.

Mit dem Kanadier, der schon vor zwei Jahren denselben Preis für "Mommy" erhielt, scheint nun auch eine jüngere Generation zu den festen Größen im Wettbewerb des Festivals zu gehören. In der Nebenreihe "Quinzaine Des Réalisateurs" behauptete sich mit "Divines" ("Bester Erstlingsfilm") ein junges wildes Kino. Die Franco-Marrokanerin Houda Benyamina erzählt von einer jungen Frau in einem üblen Pariser Vorort, die zwischen Drogenhandel und Religion für sich beschließt, dass alles im Leben möglich ist.

Wie wird uns der Jahrgang 2016 in Erinnerung bleiben? Keine Skandale, dafür aber einige Filme im Wettbewerb, die inhaltlich und formal etwas wagten - wie "Personal Shopper" von Olivier Assayas (erhielt zusammen mit Cristian Mungiu den Regie-Preis) und Refns "The Neon Demon" (vor allem die Twentysomethings fanden ihn "cool"). Dazu ein Film, der allzu viel Gutes wollte, dafür aber sogar Buhrufe in der Gala-Premiere erntete: "The Last Face" von Sean Penn. Ein Festival unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen mit kurzen Schreckmomenten, als bei einem Screening die Lichter kurz schwächer wurden und die Leinwand nicht mehr beleuchtet war. Aber in Cannes blieb alles unter Kontrolle.

Quelle: teleschau - der mediendienst