Die Deutschen? Zum Lachen!

Die Deutschen? Zum Lachen!





Maren Ades Wettbewerbskomödie "Toni Erdmann" begeistert beim Festival in Cannes

Über den deutschen Humor heißt es bisweilen, dass es ihn gar nicht gebe. Am Samstagnachmittag konnten sich die Zuschauer bei der Premiere von "Toni Erdmann", dem deutschen Beitrag im Wettbewerb bei den Filmfestspielen von Cannes, vom Gegenteil überzeugen. Selten hat man im Palais de Festival so häufiges, schallendes Gelächter gehört wie bei Maren Ades Film. Und auch die internationale Kritik staunte begeistert, was da nach acht Jahren deutscher Abstinenz im Wettbewerb auf der Leinwand zu sehen war.

Angekündigt hatte sich der überraschende Coup sehr sanft. Nur Hauptdarsteller Peter Simonischek zeigte deutliche Begeisterung, in Cannes zu sein. Er winkte freudig bei der Präsentation des Teams am Ende der Marches, der berühmten Treppe im Anschluss des langen roten Teppichs. Doch das ganz große Blitzlichtgewitter blieb wegen allzu geringer Stardichte aus. Deutlicher wurde es schon bei den warmen Begrüßungsworten des künstlerischen Leiters des Festivals, Thierry Frémaux. Er nannte die Deutschen seltene, zu seltene Gäste im Wettbewerb und versprach, dass sich dies in den nun folgenden fast drei Stunden Film reparieren lasse.

Bei der Erwähnung der Filmlänge zuckten manche nicht so erfahrene Festival-Kinogänger zusammen. Vor allem die, die ihre Eintrittskarten als Geschenk einer großzügigen Institution verdankten. Man wünschte sich wohl, gerade doch für Steven Spielbergs Film mit den Riesen ("BFG: Big Friendly Giant") anzustehen, der kurz darauf das erste Mal zu sehen war. Doch Maren Ade gewann auch sie mit ihrem ganz und gar nicht alltäglichen Helden.

Doch der enthüllte sich erst später. Erstmal war da Winfried (Simonischek), der seine Tochter Ines (Sandra Hüller) in Bukarest besucht, wo sie als Unternehmensberaterin lebt. Sie geht im Beruf auf, ist ein "Tier", dem ihr Gelegenheits-Lover und Kollege mit Sex "den Biss" nehmen will. Ihr Vater fragt sie folgerichtig, ob sie denn noch ein Mensch sei. Ihm scheint es, als habe sie bei all ihrer erfolgreichen Ernsthaftigkeit die Lebensfreude verloren.

Maren Ade liegt das Psychologisieren fern, sie lässt Taten sprechen, besser gesagt: Toni Erdmann (ebenfalls Simonischeck). Nachdem der Vater Winfried besorgt um seine Tochter abzieht, taucht in Ines Umfeld plötzlich ein durchgeknallter Typ mit Langhaar-Perücke und riesigen Zähnen auf. Als Toni Erdmann erkundet er ihr Leben auf eine völlig andere Weise und setzt damit etwas in Gang.

Hüller brilliert als unterkühlte moderne Business-Woman, die keine Feministin sein will, aber eine starke Frau, deren Motivation der Alt-68er-Vater nicht verstehen kann. Bei Ade wirkt der Witz nicht kalkuliert, trotz der Offensichtlichkeit, dass hinter Toni Erdmann Winfried steckt - als eine Art Schutzengel mit absurdem Aussehen und Verhalten. Und Ines pariert fast emotionslos, aber bestechend klug auf das, was an sie herangetragen wird. Wer das zum Lachen findet, war in Cannes in sehr guter Gesellschaft. Szenenapplaus gab es zudem mehrmals, vor allem für eine Einstellung, in der Ines zum Mikro greift und Whitney Houston auf ihre eigene Art darbot.

Idealerweise fand auch der deutsche Empfang in Cannes am Samstagabend statt, der in den vergangenen Jahren den nicht vorhandenen heimischen Film im Wettbewerb feierte. Eine Villa war gemietet worden, ein DJ engagiert und zu Trinken gab es auch etwas. Doch schien der große Erfolg vom Nachmittag in Abwesenheit der ausrichtenden Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters (aus familiären Gründen verhindert) sprachlos gemacht zu haben. Bis zur Vergabe der Goldenen Palme ist ja noch etwas Zeit, sich vielleicht auf den größten Erfolg überhaupt einzustellen. Bisher stehen die Chancen für "Toni Erdmann" gut.

Quelle: teleschau - der mediendienst