Parchim International

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Herr Pang träumt von Mecklenburg

Im Nirgendwo Mecklenburgs trifft sich bald die weite Welt. Zumindest wenn es nach Herrn Pang geht. Der chinesische Großinvestor will irgendwo in der Provinz zwischen Hamburg und Berlin einen riesigen Frachtflughafen errichten, ein internationales Drehkreuz samt angegliederter Industrie und lebenswerter Stadt. In ihrer herrlich lakonischen Doku "Parchim International" begleiten Stefan Eberlein und Manuel Fenn den Lebenstraum des umtriebigen Geschäftsmannes - und porträtieren zugleich die Menschen, die Weite und die Psychologie einer abgehängten Gegend. Im Aufeinandertreffen ökonomischer und kultureller Welten, so zeigt der Film urteilsfrei, nimmt eine gigantomanische Business-Vision in Zeiten gescheiterter Großprojekte wie dem Flughafen Berlin-Brandenburg geradezu groteske Züge an.

In Parchim hoffte man lang. Auf den Aufschwung, auf Arbeitsplätze, auf etwas anderes als das Außenseiter-Dasein seit der Wende. Vor dem Ende der DDR hatte man immerhin etwas zu bieten: den nahegelegenen Militär-Flughafen, auf dem sich die Rote Armee einen Stützpunkt eingerichtet hatte. Mit dem Großen Bruder gingen Mitte der 90-er auch dessen Truppen, es folgten verwaiste Rollfelder und verfallende Zeugnisse einstiger Größe. Umgeben von der majestätisch weiten mecklenburgischen Natur, so zeigen es die beinahe meditativen Aufnahmen in "Parchim International", eroberten sich Hasen, Vögel und Wild das Gelände zurück. Ab und zu kommt ein Pilot vorbei, um für ein paar Euro Start und Landung zu üben.

Doch es naht Hilfe, und erneut stammt sie aus dem Osten. Dem fernen diesmal: Jonathan Pang, millionenschwerer chinesischer Entrepreneur mit dutzenden Firmen, kaufte das alte Flughafengelände kurzerhand. Seine Vision: ein weltweiter Umschlagplatz für Handel und Industrie, eine globalisierte Flughafenstadt, in der die Geschäfte Europas, Chinas und Afrikas bald zusammenlaufen sollen. Aber noch ist es bis dahin ein weiter Weg, wie die Doku bisweilen süffisant und ironisch erzählt. Wenn der Geschäftsmann aus dem turbokapitalisierten Sozialismus-Reich und sein bayerischer Berater mit den im real existierenden Sozialismus geprägten, wortkargen Nordostdeutschen verhandeln, hat das etwas von einer veritablen Groteske.

Wundervoll spielt der Film visuell mit den offensichtlichen Widersprüchen, mit den Verständigungsschwierigkeiten, mit dem Auseinanderklaffen von Investoren-Traum und Realität. Der improvisierte Tower besteht aus einem Container, die Hasen hoppeln über die kaputte Landebahn, keiner der wenigen Angestellten ist des Englischen mächtig. Nicht zuletzt gibt sich auch die deutsche Bürokratie die Ehre. Herr Pang lässt sich davon nicht beeindrucken, trifft sich mit russischen Investoren, nigerianischen Handelsvertretern, Bundestagsabgeordneten ("Frau Merkel ist sehr interessiert!"), und mecklenburgischen Fischern, die erstaunt schmunzelnd davon unterrichtet werden, dass sie ihren Mini-Krabbenfang in Zukunft auf 50 Tonnen erhöhen können.

Trotz jener Momente voller Komik werden die Protagonisten überaus ernst genommen. Die (bislang enttäuschte) Hoffnung der Ortsansässigen auf tausende Arbeitsplätze beschreibt die wohlbekannte Post-DDR-Tragik in der Provinz, der dickköpfig im Mercedes durch den Osten rasende Bayer auch jenseits aller Klischees eine deutsche Realität. Und selbst Herr Pang, der eigentlich recht sympathische Träumer, wird am Ende in sein Heimatdorf begleitet, wo er herzergreifend in den Armen seiner Großmutter um seinen vor Jahren verstorbenen Vater heult. Damals, erzählt er, sei er auf Geschäftsreise in Nigeria gewesen und habe die Trauer zugunsten des Business' einfach runtergeschluckt.

Quelle: teleschau - der mediendienst