Nur Fliegen ist schöner

Nur Fliegen ist schöner





Treuloser Traumpaddler

Neugierig teilt Michel (Bruno Podalydès) die Büsche vor ihm. Seinem staunenden Blick eröffnet sich ein langer Rasen und ein schmuckes, zum Ausflugslokal umfunktioniertes großes Bauernhaus mit Sonnenschirmen auf der Terrasse und Menschen, die Michel etwas schrullig, aber sehr herzlich finden wird. An dieser Stelle der französischen Entschleunigungs-Komödie "Nur Fliegen ist schöner" ist die Identifikation mit der männlichen Hauptfigur wohl am größten. So mancher, der wie Michel mit seinem Kajak einen stillen Fluss hinauffährt, sucht doch insgeheim das kleine Abenteuer der Begegnung mit Land und Leuten. Aber Bruno Podalydès will nicht nur einen Ferienersatz liefern. Sein Film geht tiefer. Und ist gleichzeitig flacher.

Dabei sprechen die Symptome zunächst für eine typische Auszeit-Geschichte: Über seiner Tätigkeit als 3D-Designer schlummert Michel immer öfter erschöpft ein. Obwohl die Firma klein ist, kommunizieren Michel und seine Kollegen eher über Smartphones als direkt miteinander. Mit Gattin Rachelle (Sandrine Kiberlain) lebt er wie Bruder und Schwester zusammen. Dass sie zwei erwachsene Kinder haben, entfällt ihnen bisweilen. Als Michel eine plötzliche Faszination für Kajaks packt, ist das allerdings weniger Signal für einen Ausbruch aus dem öden Alltag als vielmehr für den weiteren Ausbau seiner Fantasiewelt.

Darauf beharrt Bruno Podalydès in Personalunion als Regisseur, Autor und Hauptdarsteller. Sein 50-jähriger Michel trägt Lederjacke und weißen Seidenschal wie die berühmten französischen Flieger Mermoz und Saint-Exupéry. Auch gesteht er, beim Spielen mit Modellflugzeugen seine geheimnisvollsten Erektionen gehabt zu haben. Das Kajak, das er sich anschafft, ist eine Ergänzung dazu: Auf der Dachterrasse sitzt er im Gerippe des neuen Gefährts, mimt das Paddeln und liest Exupérys Buch "Nachtflug". In pantomimischer Bewegung soll der Traum doch Traum bleiben.

Allmählich wird dieser Kindmann irgendwo zwischen Nanni Moretti und Monsieur Hulot vertraut und akzeptabel. Erinnerungen an ähnliche Filme werden wach. Bewundernswert schafft es Podalydès, Michel und Rachelle so gemächlich agieren zu lassen, dass Gleichgültigkeit und Gelassenheit in ihrem Verhältnis zueinander ununterscheidbar sind. Aber dann lässt Michel doch das Kajak zu Wasser und paddelt wirklich los.

Michels Reise ist poetischer Realismus mit surrealen Einsprengseln. Der schmale, träge, baumüberhangene Strom, den er hinauffährt, empfiehlt sich als Metapher fürs Unbewusste. Und wohin führt das Unbewusste in einem französischen Film? Natürlich zu den Frauen, zu Laetitia (Agnès Jaoui), der Besitzerin des Ausflugslokals, und zu Mila (Vimala Pons), die ihr zur Hand geht und mit einem gebrochenen Herzen ringt.

Daran ist erst mal nichts Verwerfliches. Aber obwohl sie wie beiläufig eingeführt werden, stürzen Rang und Wirkung der Damen doch das ganze bisherige Konzept um. Agnès Jaoui ist ein Star des unabhängigen französischen Films und gibt die etwas üppige, reife Schönheit. Die junge Vimala Pons ist immer öfter zu sehen, ihr Gesicht bezirzt mit dem reizvollen Kontrast einer kummervollen Kinn- und einer sehnsuchtsvollen Augenpartie.

Da kann "Nur Fliegen ist schöner" gar nicht anders, als den regressiven Traum gegen ein schnödes Seitensprung-Programm für einen Herrn fortgeschrittenen Alters zu tauschen. Aber es ist nun mal ernüchternd treulos, wenn an die Stelle des sanft Bizarren urplötzlich das Banale tritt.

Quelle: teleschau - der mediendienst