X-Men: Apocalypse

X-Men: Apocalypse





Alte Freunde, neue Feinde

Wie sieht's denn hier aus? Als Apocalypse (Oscar Isaac) aufwacht, versteht er die Welt nicht mehr. Eben ist der mächtige Mutant noch als Gottheit verehrt worden - bis ein Verrat ihn vorübergehehend außer Gefecht setzte. Doch nach über 5.000 Jahren ohne seine Aufsicht haben die Menschen sich die Erde Untertan gemacht. Die Schwächlinge haben eigene Gesetze und verehren Geld, Macht und das Fernsehen. Damit sie künftig wieder den richtigen falschen Göttern dienen können, muss Apocalypse, klar, erst mal die Erde ein bisschen entvölkern. Wären da nicht die X-Men! Doch die bunte Mutantentruppe hatte sich eigentlich schon lange aufgelöst. "X-Men: Apocalypse" bietet großformatiges Superheldenkino - aber leider bleibt das Spektakel seltsam seelenlos.

Eine kleine Szene lässt schon früh aufhorchen: Nachdem sich drei Nachwuchs-Mutanten im Kino "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" angesehen haben, fasst eine knapp zusammen: "Der dritte Film ist immer der schlechteste." Was vielleicht als kleines Augenzwinkern gemeint war, wirkt eher wie ein Eingeständnis. Nach den cleveren "X-Men"-Reboots "Erste Entscheidung" (2011) und "Zukunft ist Vergangenheit" (2014) gelingt es Regisseur Bryan Singer nicht, die Qualität hochzuhalten. Ein kompletter Fehlschlag ist der Film zwar nicht, aber er wirkt doch deutlich blasser als seine beiden Vorgänger.

Nach den 60er- und 70er-Jahren widmet sich Singer diesmal folgerichtig den 80-ern. Allerdings verquickt er die Ereignisse um die Mutantentruppe weniger eng mit der Zeithistorie als in den Vorgängern, das Jahrzehnt dient weitgehend als Kulisse - die allerdings wieder einmal äußerst stilsicher umgesetzt wurde (allein schon James McAvoy als Professor X im fliederfarbenen Feinstrickpulli ist ein Knüller). Im Jahr 1983 hat es die X-Men auf verschiedene Seiten des Eisernen Vorhangs verschlagen. Während Mystique (diesmal ein wenig verhalten: Jennifer Lawrence) in Ostberlin Mutanten aus Käfigkämpfen befreit, hat sich Magneto (Michael Fassbender) in ein ruhiges Leben als Stahlarbeiter in Polen zurückgezogen. Professor X konnte derweil in den USA ein Internat für junge Mutanten aufbauen und träumt von integrativen Lernkonzepten mit Normalmenschen. Erst als Apocalypse die Bildfläche betritt, müssen sie alle ihre Seiten neu wählen.

Der Internats-Plot bietet Singer die Gelegenheit, zahlreiche Mutanten aus dem alten Franchise neu besetzt wiederzubeleben. Unter anderem macht Sophie Turner (Sansa Stark aus "Game of Thrones") eine ganz gute Figur als Jean Grey; Kodi Smit-McPhee ist als Nightcrawler mit Emo-Frise dagegen ein wenig zu putzig geraten. Wieder mit dabei ist erfreulicherweise Evan Peters als Quicksilver, der schon im letzten Film so ziemlich jede Szene stahl, in der er auftauchte, und auch diesmal die mit Abstand beste Action-Sequenz für sich beanspruchen kann.

Der Plot wurde enttäuschend lieblos von der Stange gepflückt: Größenwahnsinniger Superschurke erstrebt Weltherrschaft mittels Weltzerstörung, das kennt man schon, und auch die ach so apokalyptischen Weltzerstörungsbilder wirken allesamt wie bereits mehrfach gesehen (allenfalls die Zerstörung des Lagers von Auschwitz ist ein wenig gewagt). Auch die Durchhaltebotschaft für Underdogs und Außenseiter, die vorherige Produktionen der Reihe ausgemacht hat, fehlt diesmal. Immerhin halten die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander den Film unterhaltsam - sofern man ein Herz für Mutanten hat.

Im Zentrum stehen wieder einmal die besten Feinde Professor X und Magneto. Im ersten Teil fanden sie erst zueinander und beendeten dann ihre Freundschaft wegen unüberbrückbarer Differenzen, im zweiten starteten sie als Feinde und arbeiteten doch zusammen, und auch diesmal müssen einige Konflikte verarbeitet werden. Dass dieses Beziehungskarussell auch in der x-ten Wiederholung noch nicht langweilt, ist allenfalls den motivierten Schauspielern McAvoy und Fassbender zu verdanken. Für den vollen Genuss der zerquälten Männermienen ist es jedoch nötig, auch ihre Vorgeschichte zu kennen. Insgesamt hat Bryan Singer einen Film für Fans geschaffen - Neueinsteiger haben hier höchstens die Gelegenheit, gute zwei Stunden lang Popcorn zu futtern.

Quelle: teleschau - der mediendienst