Victor Frankenstein - Genie und Wahnsinn

Victor Frankenstein - Genie und Wahnsinn





Filmisches Flickwerk

Knapp 200 Jahre nach der Veröffentlichung von Mary Shelleys Gruselroman "Frankenstein" wagt sich der britische Regisseur Paul McGuigan ("Lucky Number Slevin") an eine filmische Neuinterpretation des Klassikers. Im Zentrum der Geschichte steht bei ihm Frankensteins (James McAvoy) namenloser Assistent (Daniel Radcliffe), der zu Beginn des Films ein trauriges Dasein als buckliger Freak in einem Londoner Zirkus fristet. Wenn er nicht gerade in der Manege zur Belustigung der Zuschauer gequält wird, studiert der clevere junge Mann heimlich anatomische Lehrbücher. Er ist es deshalb auch, der in "Victor Frankenstein - Genie und Wahnsinn" der Trapezkünstlerin Lorelei (Jessica Brown Findlay) das Leben rettet, als diese während der Vorstellung aus luftiger Höhe abstürzt.

Durch diese Heldentat wird der ehrgeizige Medizinstudent Victor Frankenstein auf den Zirkusclown aufmerksam, befreit ihn aus seinem Käfig, nimmt ihn mit nach Hause und verpasst ihm den Namen Igor. Der Buckel entpuppt sich als jahrelang unbehandelter eitriger Abszess, den Victor kurzerhand absaugt. Gemeinsam widmen sich die beiden von nun an Frankensteins Forschungsprojekt: zusammengeflickte tote Körper mithilfe von Elektrizität zu neuem Leben zu erwecken.

Unzählige Male waren Frankenstein und sein Monster bereits im Kino zu sehen, beispielsweise 1931 in der unvergessenen Adaption mit Boris Karloff oder zuletzt 2014 im Horror-Flop "I, Frankenstein" mit Aaron Eckhart. Braucht es also wirklich eine weitere Neuverfilmung der alten Geschichte vom modernen Prometheus? Regisseur McGuigan probiert eine ganze Menge, um das Publikum für seine Version zu gewinnen: "Victor Frankenstein - Genie und Wahnsinn" bietet einen detailverliebten Blick auf das historische London und wartet mit beeindruckenden Kulissen und pompösen Kostümen auf. Dazu kommen jede Menge überzeugende Special Effects und rasante Actionszenen mit nostalgischem Steampunk-Flair.

Seinen Figuren versucht McGuigan Tiefe zu verleihen, indem er den tragischen Tod von Victors Bruder Henry beleuchtet. Dieser wird auch als Grund für Frankensteins ambitioniertes Zombie-Projekt angeführt. Assistent Igor bekommt eine Romanze spendiert und fungiert als Stimme der Moral, als Frankensteins Experimente aus dem Ruder zu laufen drohen. Diese ganzen Versatzstücke machen das Fantasy-Märchen zu einem filmischen Flickwerk, das Frankensteins Monster selbst gar nicht so unähnlich ist: Die Geschichte wirkt phasenweise erschreckend leblos und verliert sich in Nichtigkeiten, teilweise sogar in unlogischen Kapriolen, bis im großen Finale dann endlich die Kreatur erweckt werden soll.

James McAvoy ("X-Men: Zukunft ist Vergangenheit") dreht als größenwahnsinniger Wissenschaftler voll auf. Die bedrohlich pochende Ader auf seiner Stirn und der starre Blick lassen keinen Zweifel daran, wie verbissen sein Frankenstein für das Erreichen seiner Ziele kämpft. An seiner Seite bleibt Daniel Radcliffe ("Harry Potter") eher blass und Igors Liebesgeschichte unglaubwürdig.

Grundsätzlich fehlt "Victor Frankenstein - Genie und Wahnsinn" allerdings jegliche Art von subtilem Humor oder modernem Twist, wie sie beispielsweise die beliebte TV-Serie "Sherlock" bietet. Die Voraussetzungen dazu hätte der Film durchaus gehabt: Regisseur McGuigan hat bei vier Folgen der Detektiv-Reihe Regie geführt, Sherlocks Erzfeind Moriarty alias Andrew Scott ist hier als Scotland-Yard-Inspector zu sehen. Auf die Frage, ob man Tote (filmisch) wiedererwecken darf, kann es daher nur eine Antwort geben: Ja! Man sollte ihnen allerdings auch neues Leben einhauchen.

Quelle: teleschau - der mediendienst