Die Poesie des Unendlichen

Die Poesie des Unendlichen





Das unbegrenzte Bewusstsein

Klingelt's bei Albert Einstein? Den Namen Isaac Newton schon mal gehört? Logisch! Aber wie sieht es mit Srinivasa Ramanujan aus? Wahrscheinlich werden die wenigsten den indischen Wissenschaftler kennen. Dabei war jener einer der einflussreichsten Mathematiker des letzten Jahrhunderts. Es ist das Verdienst des Biografen Robert Kanigel und des Regisseurs Matt Brown, diese zutiefst beeindruckende Persönlichkeit aus der Versenkung geholt zu haben. Obwohl das Biopic über Ramanujan zuweilen kitschig-sentimental wirkt und (genre-)übliche Formeln platt anwendet, kann man "Die Poesie des Unendlichen" nur mögen. Schon allein deshalb, weil eine derart unglaubliche Lebensgeschichte dadurch dem Vergessen entrissen wird.

Ramanujan, gespielt von "Slumdog Millionär"-Superstar Dev Patel, arbeitet 1913 im kolonialisierten Indien als einfacher Büroangestellter, um sich und seine frisch Angetraute über Wasser zu halten. Obwohl er keine entsprechende Ausbildung genossen hat, ist er ein mathematisches Genie - er behauptet, seine Göttin gebe ihm die Formeln ein.

Leider beginnt das Biopic mit kitschigen Elendsbildern von Indien, gefolgt von der aufgesetzt wirkenden Liebesgeschichte Srinivasas mit seiner jungen Ehefrau und den intriganten Manövern seiner eifersüchtigen Mutter. Der Zuschauer befürchtet also zunächst das Schlimmste. Dann nimmt der Film aber glücklicherweise rasch an Fahrt und Glaubwürdigkeit auf: Sein Vorgesetzter in Madras ermutigt Srinivasa ein paar Kostproben seines Könnens aufzuschreiben und an G.H. Hardy (Jeremy Irons) zu senden - einen herausragenden Mathematikprofessor am Trinity College in Cambridge.

Hardy ist sofort von Naturtalent Srinivasa fasziniert und lädt ihn ein, nach England zu kommen. Der leidenschaftliche Querkopf verlässt daraufhin Land und Leute, muss bei seiner Ankunft im nasskalten England jedoch feststellen, dass er fast vom gesamten Fachbereich abschätzig behandelt wird. Auch der unnahbare Professor Hardy ist für Srinivasa eine herbe Enttäuschung, verlangt er doch von ihm, dass er seine Formeln exakt beweist, bevor er irgendetwas davon veröffentlicht.

Trotzdem beugt sich der mathematikbesessene Heißsporn dem kühlen Briten, der anfänglich rein wissenschaftliches Interesse an seinem Zögling hat. Hardy bekommt weder mit, dass Srinivasa sich aus religiöser Überzeugung nur vegetarisch ernähren kann - was spätestens mit Beginn des Ersten Weltkrieg für ihn zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führt. Noch bemerkt er, dass rassistische Studenten den jungen Inder niedergeschlagen haben - obwohl die Blessuren in dessen Gesicht eine eindeutige Sprache sprechen.

Die Freundschaft, die dennoch ganz langsam zwischen den beiden grundverschiedenen Menschen aufkeimt, ist der gelungenste Handlungsstrang des Biopics. Besonders Jeremy Irons weiß seine im Grunde recht klischeehafte, pfeifchenrauchende Figur mit Leben zu füllen. Auch Hardys Beziehung zu seinem großherzigen Mathematikerkollegen Littlewood (Toby Jones) bringt echte Wärme und Tiefe in den ansonsten zu Oberflächlichkeiten neigenden Film.

Allmählich entwickeln sich Srinivasas Theorien unter Hardys streng väterlicher Obhut zu bewiesenen Formeln, erbittert kämpft der Prof nun auch darum, dass Ramanujan von der chauvinistischen Universitäts-Elite anerkannt wird. Doch inmitten dieser von Kälte, Einsamkeit und Mangelernährung geprägten Umgebung erkrankt Srinivasa schwer. Mit letzter Kraft versucht er, die ihm eingegebenen göttlichen Formeln, für die man zur damaligen Zeit noch lange nicht bereit war, zu Papier zu bringen.

Im Abspann erfährt der Zuschauer, dass Jahre nach Srinivasas frühem Tod ein verloren geglaubtes Notizbuch gefunden wurde, welches heute noch als Grundlage zur Berechnung von Schwarzen Löchern dient. Die Formeln seien schon immer da gewesen, man müsse sie nur aufschreiben, sagt Srinivasa einmal: ein Gänsehaut-Satz, der dem Zuschauer für eine Millisekunde die Unendlichkeit des menschlichen Bewusstseins spüren lässt.

Quelle: teleschau - der mediendienst