Bauernopfer - Spiel der Könige

Bauernopfer - Spiel der Könige





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Es ist das Kandidatenturnier für die Schachweltmeisterschaft 1962: Auf einmal plagen den amerikanischen Großmeister Bobby Fischer (Tobey Maguire) die tickenden Schachuhren, die kratzenden Bleistifte und das dumpfe Pochen hastig ausgedrückter Zigaretten. Nervös reibt er sich die Augen, fällt immer wieder gegen die Stuhllehne zurück, stützt den Kopf mit beiden Daumen und Zeigefingern auf dem Tisch ab. Anschließend wird er wutschnaubend von einer Verschwörung der russischen Kontrahenten sprechen und das eigene Karriere-Ende verkünden. Ist das eines Großmeisters würdig? Vielleicht nicht. Aber es sind nicht die Stärken, sondern die Schwächen des legendären Schachgenies Fisher, die aus den Zuschauern atemlose Mitspieler des Biopics "Bauernopfer - Spiel der Könige" machen.

Die Unberechenbarkeit des Bobby Fischer am Brett zeichnet auch sein Leben aus. Regisseur Edward Zwick und Drehbuchautor Steven Knight kanalisieren daraus einen dynamischen und wendungsreichen Erzählfluss. Nachdem Fischer sich durch den Abschied unter Protest ins Aus beförderte, geht es für ihn eigentlich erst richtig los. Der undurchsichtige Anwalt Paul Marshall (Michael Stuhlbarg) überredet Fischer zur Rückkehr in den internationalen Wettbewerb - gegen gute Bezahlung und im Dienst der US-Regierung, die Ende der 1960er Jahre einen symbolischen Sieg im Kalten Krieg erringen will. Warum nicht im Schach, in dem die Sowjets doch so stark sind?

Zusammen mit Marshall und dem zum Priester konvertierten ehemaligen Kollegen Father Bill Lombardy (Peter Sarsgaard) nimmt Fischer den Kampf gegen die russische Schachvormacht auf und begibt sich auf eine Jahre dauernde Ochsentour zu Turnieren in aller Welt. Ziel ist der Weltmeisterschaftsgewinn gegen Kreml-Protegé Boris Spasski (Liev Schreiber). Probleme gibt es weniger mit den Gegnern als mit Fischers hypersensibler Exzentrik, seinen Honorarforderungen - und seiner Paranoia. Der jüdische Amerikaner wähnt sich gleichermaßen im Visier von KGB, CIA und Mossad. Noch beim Weltmeisterschaftsduell 1972 gegen Spasski im isländischen Reykjavík schraubt er auf der Suche nach Wanzen manisch Telefone auseinander und droht mit Abbruch. Doch nicht nur die USA bangen darum, dass er spielen möge.

Überzeugend bietet Zwick die FBI-Überwachung von Fischers kommunistisch gesinnter Mutter in den 1950er-Jahren als Ursache für den Wahn des Schachmeisters an. Die Verwicklung in die Konfrontation der Supermächte nährt ihn weiter. Die USA spielen mit ihm, die Sowjetunion gegen ihn. Fischers Verrücktheit erscheint als Abwehr. Deren aggressive Züge relativiert Zwick keineswegs. Wie schon in seinen Inszenierungen von "Legenden der Leidenschaft", "Last Samurai" und "Blood Diamond" versteht er es, den strauchelnden Helden gerade durch Verfehlungen und Niederlagen der Zuneigung anzuempfehlen.

Mit den Bedrohungen der eigenen Ambitionen, die jeder kennt, nicht mit den Triumphen, die nur wenige genießen dürfen, vereinigt dieser Bobby Fischer Sympathien auf sich. Tobey Maguire verkörpert perfekt jene Mischung aus Verträumtheit, Widerborstigkeit und Unschuld, die den eigenen Erfolg ebnete und ihm ebenso im Weg stand. Der Dickkopf des Bobby Fischer bleibt verschlossen. Aber dafür sieht und hört der Film mit seinen Augen und Ohren. Fischers inneres und äußeres Ringen ist nicht zuletzt dank der fantastischen Tonspur unmittelbar erfahrbar, sodass wir bei der 6. Partie im Weltmeisterschaftskampf, die Schachgeschichte geschrieben hat, mitzuspielen meinen.

Quelle: teleschau - der mediendienst