Wer hat Angst vor Sibylle Berg?

Wer hat Angst vor Sibylle Berg?





Beiläufiges Berg-Fest

"Da wird viel Gescheiße drum gemacht", beschreibt die hagere Frau mit den roten Haaren ihre Sicht auf das Schriftstellerdasein, ja auf den Literaturbetrieb überhaupt. Die Dinge so unabänderlich wie beiläufig auf den Punkt zu bringen: Das war und ist die große Kunst der Sibylle Berg. Jener meist als "streitbar" beschriebenen Autorin, deren treffende Charakterisierungen zuletzt in der ZDF-Neo-Talkshow "Schulz und Böhmermann" auf breiteres Publikum stießen. Deren bissige Gegenwartsanalysen selbst die Macherinnen des ersten Dokumentarfilms über die 48-Jährige zur Titelfrage verleiteten: "Wer hat Angst vor Sibylle Berg?". So einige, lässt das unprätentiöse Porträt des Regieduos "Böller und Brot" alias Sigrun Köhler und Wiltrud Baier vermuten. Aber auch, dass man vor der sarkastischen und doch so schüchternen Wahlschweizerin, die im Film auf der Suche nach einem neuen Haus begleitet wird, alles andere als Angst haben muss.

Oft dachte sich Sibylle Berg nicht nur für ihre Werke, sondern auch mit Blick auf ihr Leben Geschichten aus. Beispielsweise gebürtige Brasilianerin zu sein, was sie als junge Frau mit Dreadlocks und Bräunungscreme wenig überzeugend zu untermalen versuchte. Wenn die in Wirklichkeit aus Weimar stammende Schriftstellerin, die 1984 aus der DDR aussiedelte, in dem faszinierenden filmischen Porträt eine ihrer Storys zum Besten gibt, kann man sich nie wirklich sicher sein: Stimmt das jetzt? Dass sie sich zu ihrer Anfangszeit in Zürich, wohin sie 1996 zog, tatsächlich nur von geklautem Vorgartengemüse ernährte? Dass sie wirklich als Lastwagenfahrerin arbeitete und Ozeanologie studierte?

Es ist auch herrlich egal: Denn "Wer hat Angst vor Sibylle Berg?" nähert sich natürlich keineswegs der Privatperson Berg, wahrscheinlich nicht einmal der Kunstfigur Berg. Vielmehr münzt die Autorin, die zuletzt 2015 den Roman "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand" veröffentlichte, die Doku gewissermaßen in ihr eigenes kleines Sibylle-Berg-Kunstwerk um. So liefern die Stuttgarter Filmemacherinnen der Dramatikerin, Lyrikerin und Romancierin eine visuelle Bühne für jene wundervoll ent- und verrückte Verschrobenheit, mit der sie auch in ihren Schriftstücken schmerzhafte Wahrheiten ausspricht.

"Es gibt Schlimmeres, als in der Schweiz zu verenden", lautet eine davon. Oder: "Der Traum des Ossis war ja die Schweiz. Das habe ich schon erledigt." Überhaupt gibt Berg ihrem Dasein als Ex-DDR-Bürgerin, ihren prägenden Jahren also, viel Raum. An einer Stelle - sie schaut sich gerade in der kalifornischen Villa eines seltsamen Milliardärs um - lässt sie sich über selbigen in tiefstem Thüringisch aus: "Ä schwierscher Gäspräschsbartner". Nur um sofort weltmännisch anzuschließen: "Aber das Haus ist leider gut".

Die Frage nach der neuen Bleibe für die Architektur-Liebhaberin gibt "Wer hat Angst vor Sibylle Berg?" eine erstaunlich unterhaltsame Beiläufigkeit, die natürlich zuvorderst im liebenswerten Zynismus der Protagonistin begründet liegt. Die Doku über ihre Person orchestriert die in Zürich Dramaturgie lehrende Schweizer Staatsbürgerin nach Belieben: Im Interview, in Monologen und in Gesprächen mit auftretenden Freunden und Bekannten wie Helene Hegemann, Olli Schulz und Katja Riemann schwingt sich Berg zu sprachlich-intellektuellen Höhenflügen - und wieder zurück in wundervoll obzöne und erfrischende Banalitäten: "Kleines Scheißerchen, komm' her Arschloch" - schöner kann man eine umherfliegende Drohne wohl nicht beleidigen.

Glücklicherweise unternimmt das für die Stuttgart-21-Doku "Alarm im Hauptbahnhof" 2011 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Regie-Duo gar nicht erst den Versuch, den Menschen Berg zu fassen zu kriegen. "Böller und Brot" lassen die "Spiegel"-Kolumnistin vor der Kamera ihre Kunst machen, ihre dunklen, spöttischen, kuriosen Gedanken ausbreiten. Auch wenn sich die Frau mit dem markanten Gesicht in so manchem Nebensatz als "Alien" bezeichnet: Angst haben sollte man vor ihrem Größenwahn und Selbsthass jedenfalls nicht. "Ich hatte früher die Idee: Ich will die größte Schriftstellerin der Welt werden", kokettiert Berg in einer Szene. Insofern sie das nicht heimlich längst ist, sollte "Frau Sibylle" auf die Frage, die sie während eines Waldspaziergangs in typisch Berg'schem Duktus stellt, eindeutig reagieren: "Haben wir den Weg schon begriffen oder müssen wir noch weitergehen?" Ja und Ja!

Quelle: teleschau - der mediendienst